27.10.05

Die Entstehung der Bossa Nova

Die Wiege der Bossa Nova liegt in Rio de Janeiro. Am 10. Juli 1958 geben Antonio Carlos Jobim und João Gilberto das Stück Chega de Saudade (Schluss mit der Sehnsucht) heraus, das den Anfang der Bossa-Nova-Ära macht.

Der Film Orfeu Negro (Black Orpheus), das auf dem Theater Stück von Vinicius de Moraes Orfeu da Conceição basiert und mit Mitwirkung von Antonio Carlos Jobim, Vinicius De Moraes und Luiz Bonfà, verhelfen der Bossa Nova zusätzlich zum internationalen Erfolg.
Natürlich existierte die Bossa Nova bereits vor diesem Datum, ab 1958 entstand sozusagen die offizielle Urkunde der Enstehung der Bossa Nova. Die geschichtliche Erklärung dazu ist, dass in den 50-er Jahren die Musiker der Bossa Nova wie Bohemiens lebten. Es herrschte eine optimistische Stimmung. Juscelino Kubitschek wurde als Präsident gewählt, Brasilia wurde zur neuen Hauptstadt (zuvor war sie Rio de Janeiro) ernannt.

Die Cinema-Novo-Bewegung in der Filmindustrie nahm ihren Lauf. Mit seinem Buch Revisão critica do cinema brasileiro argumentiert deren Leader Glauber Rocha zu Gunsten einer neuen Art Film, der aus den alltäglichen Szenen der Armut Brasiliens sich entwickeln sollte, ähnlich wie beim italienischen Neorealismus der Nachkriegszeit. Seine berühmtesten Filme sind Terra em Transe und Deus e o Diabo na terra do sol.

Auch die Gebiete der Malerei, Theater, Literatur waren von grosser Kreativität gekennzeichnet. Ein berühmter Spruch über Rio der in diesen Jahren entstanden ist, fasst diese Zeit zusammen: „Rio é sal, é sol, é sul“ (Rio de Janeiro ist Salz, Sonne, Süden).

Bossa Nova ist eine Lebensphilosophie. Der Begriff wurde jedoch anfänglich abwertend benutzt und als Etikett für alles Moderne und Überraschende verwendet. Der Begriff im heutigen Sinne taucht erstmals 1959 im Stück Desafinado (verstimmt) auf. Dieses Stück ist das Manifest der Bossa Nova geworden. Folgende wichtige Passagen beschreiben die Philosophie der Bossa Nova:

Desafinado[1] -A. C. Jobim / Newton Menonça

Quando eu vou cantar
Você não deixa
E sempre vem a mesma queixa
Diz que eu desafino
Que eu não sei cantar
Você é tão bonita
Mas tua beleza
Também pode se enganar
Se você disser que eu desafino amor
Saiba que isto em mim
Provoca immensa dor
So' privilegiados têm ouvido igual ao seu
Eu posso apenas o que Deus me deu
Si você insiste em classificar
Meu comportamento die anti-musical
Eu mesmo mentindo devo argumentar
Que isto é bossa nova
Isto é muito natural[2]
O que você não sabe
E nem sequer pressente
E' que os desafinados
Também têm coração
Fotografei você na minha Rolleiflex
Revelou-se a sua enorme ingratidão
So' não poderà falar assim do meu amor
Que ele é o maior
Que você pode encontrar
Você com a sua música
Esqueceu o principal
E' que no peito dos desafinados
No fundo do peito bate calado
E' que no peito dos desafinados
Também bate um coração[3]


Antonio Carlos Jobims (Tom Jobim genannt) Kommentar war dazu folgendes: "Es ist wirklich kein verstimmtes Lied, denn es klingt abschichtlich schräge. Es könnte ein sehr glattes Lied sein, wenn die musikalischen Phrasen am Ende nicht plötzlich abfallen würden. Es ist eine Kritik, die nur Experten vorbringen. Der Typ von nebenan trifft zwar den Ton nicht, aber ist in ein Mädchen verknallt, und er kann es ihr ruhig sagen, weil die Liebe entscheidender ist als die richtige Tonlage. Einige Leute treffen immer den richtigen Ton, aber sie lieben niemanden. "
In seinem Buch "Verdade Tropical" [São Paulo 2003] schildert Caetano Veloso folgendes Kommentar, das einen Freund von ihm machte, als er zum ersten Mal das Stück Desafinado von João Gilberto singen hörte:

"Caetano, você que gosta de coisas loucas, você precisa ouvir o disco desse sujeito que canta totalmente desafinado, a orquestra vai pra um lado e ele vai pra outro".[4]
„Caetano, Du liebst ja verrückte Sachen. Du solltest Dir einmal die Aufnahme eines Typen anhören, der total falsch singt. Das Orchester geht in einer Richtung und der Sänger in die entgegen gesetzte Richtung.“ [Ü.d.A.]

Dieser Ausschnitt sollte verdeutlichen, wie die Bossa Nova damals rezipiert wurde. Sie war ein Skandal. Die spezielle Harmonik und die Melodie lassen den Sänger des Stücks als unsicher und verstimmt erscheinen. Die Kritik nannte diesen Stil spöttisch "Musik für verstimmte Sänger". Tatsächlich bewegen sich die Melodien an der Grenze der Intonation und sind nicht sehr einfach zu singen. Zudem ist Bossa Nova sehr intimistisch und der Sänger, der gleichzeitig auf seiner Gitarre spielt, scheint den Text eher zu flüstern als zu singen. Zu jener Zeit erwartete man für den Sänger eine opernhafte starke Stimme. Vor der Bossa Nova, die direkt vom Samba stammt, wurde auf festgelegte Paramenter verzichtet und die Melodie war einfach und singbar. Starke, kontrastierende Effekte, laute Stimme, und ein hohes Register der Stimme werden bewusst vermieden.

Bossa Nova ist eine neue Art von Samba, die Ryhthmik (z.B. das violão gago, wie die "stotternde" Gitarrenbegleitung von João Gilberto genannt wurde), Harmonie und Melodie vereint. Auch die Ebene des Gesangs und der Begleitung sind keine entgegengesetzte Ebenen, sie sind im Bossa Nova vereint.

Von den brasilianischen Musiker der 60-er Jahren sind vor allem Luis Bonfà, Oscar Castro Neves, der Gitarrist Laurindo Almeida (mit dem Stan Getz auch gearbeitet hat), der Pianist Sérgio Mendes, Eumir Deodato, Moacyr Sandos und Dom Um Romão zu nennen.

In den 60-er Jahren sind noch zwei wichtige Ereignisse für die Bossa Nova zu nennen: Im Jahr 1964 zieht Nara Leão mit ihrem Album Opinião einen Schlussschtrich mit der Bossa Nova und widmet sich den Protesliedern zu. Hier ist zu vermerken, dass sich in diesem Jahr die Militärdiktatur, die bis 1985 hielt, instauriert hatte.

Anderseits moderierte die Sängerin Elis Regina auf TV Record ihr äusserst berühmtes Programm O fino da Bossa (das feinste der Bossa), das die Berühmtheit sowie die Beliebtheit dieses Genres bezeugen.

Ende der 60-er Jahre war die Bossa Nova ein überholters Genre. In der Dekade der 70-er Jahren kamen vor allem Rock, Punk und Reggae auf, die die Bossa Nova in den Hintergrund stellten, so dass sie momentan in Vergessenheit geriet. Erst ab den 80-er Jahren blühte sie wieder auf.

Zu den wichtigsten Musiker/Interpreten/Komponisten die der Bossa Nova gehören, ragen vor allem Jobim und Vinicius de Moraes hervor, die mit Abstand am meisten zur Entwicklung der Bossa Nova beigetragen haben. Nicht zuletzt stammt der grösste Teil vom Repertoire von ihnen, aber auch Johnny Alf, Ronaldo Bôscoli, Chico Buarque, Durval Ferreira, João Gilberto, Nara Leão, Carlos Lyra, Roberto Menescal, Sergio Mendes, Baden Powell, Elis Regina, Toquinho, Caetano Veloso, sollten unbedingt erwähnt werden. Diese Aufzählung ist nur exemplarisch, da es eine unendlich lange Liste mit Namen von grossen Talenten gibt, die nennenswert wären.

Jolanda Giardiello
23. Oktober 2005

Anmerkungen:
[1]Verstimmt, falsch gesungen"
[2] "Wenn Sie darauf bestehen, mein Vorgehen als antimusikalisch zu bezeichnen, muss ich, selbst wenn es gelogen wäre, antworten: Das ist Bossa Nova. Das ist sehr natürlich."
[3] "In der Brust derjenigen, die falsch singen, klopft auch ein Herz."
[4] Veloso, Verdade Tropical, S. 30