27.10.05

Marcello Sorce Keller: Musica e Sociologia. Una breve storia, Milano 1996

Zusammenfassung des 1. Teils des Buches. Kapitel 1-6, S. 13-25

I. Nascita delle scienze sociali

La sociologia nasce da due rivoluzioni (Die Soziologie wurde von zwei Revolutionen geboren)

Die Wissenschaften werden in Bezug auf dem Objekt, mit dem sie sich beschäftige, definiert. Im 19. Jahrhundert wurde der Horizont der Wissenschaften erstreckt, nämlich mit dem Beginn der Geisteswissenschaften, die man im Zusammenhang der Französischen Revolution und der Industriellen Revolution bringt. Durch die Französische Revolution wurden die Familie, die Kirche, die Gesellschaftschichten, das Eigentum und andere Elementen der alten Welt neu definiert. In dieser Zeit wurden sich die Menschen über diese Überganszeit bewusst, über den Fortschritt und über die Evolution. Alle diese Begriffe wurden Teil von der neuen Weltsicht. Auch der Begriff Revolution, der aus der Astronomie entlehnt wurde, verliert seine antike Bedeutung von Regelmässigkeit und wird im politischen Vokabular aufgenommen, mit dem Bild der Bewegung von grossen Massen.

In dieser Atmosphäre treten die Persönlichkeiten hervor, die die Soziologie gegründet haben: Saint-Simon (1760-1825), Auguste Comte (1798-1857) und Herbert Spencer (1820-1903). Der Begriff Soziologie wurde von Comte erfunden, was ein Hybrid ist, der zu Beginn sehr komisch tönte, da er sich aus dem Lateinischen socíetas und dem Griechischen logós zusammensetzt. Erst mit Spencer beginnt jedoch die Soziologie mit empirischen Methoden untersucht zu werden.

Mit der Entwicklung der Soziologie wurden sich Wissenschaftler bewusst, dass für eine exakte Untersuchung Statistiken und Umfragen (engl. surveys) nötig waren. Wichtige Persönlichkeiten dazu sind der belgische Statistiker Lambert-Adolphe-Jacques Quételet und der französische Ökonom Fréderic Le Play. Die Soziologie ist mit zwei Seelen geboren: die eine Strömung ist empirisch-normativ (?) (empirico-misurativo), und die andere theoretisch-philosophisch. Diese zwei Seelen prägen die Soziologie dualistisch und leben miteinander auch in der modernen Soziologie.


Se nulla cambio, meglio cosí (....per l’antropologia) (Wenn sich nichts verändert, um so besser.... für die Antropologie)

Die Geschichte der Antropologie ist anders verlaufen. Seit der Hälfte des 18. Jahrhundert, begann sich die Idee zu verbreiten, dass die Völker, die man „primitiv“ nannte, auch wenn sie andere Werte hatten, doch eine eigene Kultur besassen. Vorgänger von Antropologen waren hauptsächlich aus dem französisch-sprechenden Raum: Montaigne ((1533-1592), Montesquieu (1689-1755), Rousseau (1712-1778). Die Begründer der modernen Antropologie waren vom englisch-sprechenden Raum: Lewis Henry Morgan (1818-1881), der von der kulturellen Evolution in drei Stadien sprach, Sir Edward Burnett Tylor (1832-1917), der den antropologischen Begriff der Kultur prägte, Sir James Frazer (1854-1941), veröffentlichte Studien über Magie, Religion und William Halls Rivers (1864-1922) Vertreter des kulturellen Diffusionismus (diffusionismo culturale).

In Frankreich ist die Antropologie immer in Kontakt mit der Soziologie gewesen und ist nicht getrennte Wege gegangen wie in England, Italien und die USA. Die Sozialwissenschaften in Frankreich haben immer einen Blick auf Europa gworfen und sich gleichzeitige den anderen auf den aussereuropäischen Kulturen gewidmet. Deshalb ist es auch heute schwer einen klaren Unterschied zu machen. Wichtige Persönlichkeiten sind: Émile Durkheim (1858-1917), Lucien Lévy-Bruhl (1857-1939), Marcel Mauss (1872-1950), Arnold van Gennep (1873-1957), Claude Lévy-Strauss (1908), und Pierre Bourdieu (1930).

Die Soziologie akzeptiert die Einstellung von Heraklit des “panta rei”. Die Antropologie ist an Parmenides „unveränderbares Sein“ hängen geblieben. Ein Diskussionspunkt ist der „mutamento culturale“ (kulturelle Veränderung), die im Gegensatz zur Soziologie bei der Antropologie nicht existiert, da sie denken, dass die Naturvölker die Kultur unserer Ahnen bis heute bewahrt haben. Die Antropologie verneint die „kulturelle Veränderung“ nicht, sein Ziel ist jedoch alles mögliche zu bewahren. Die Soziologie interveniert dort wo eine Veränderung stattfindet und wo diese Veränderungen Krisensituationen, Konflikte und soziokulturelle Unbeghaglichkeit hervorbringen.


Il linguaggio della sociologia e la derivata seconda (Die Sprache der Soziologie und die...)

Der dynamische Akt wird von verschiedenen Wissenschaften untersucht (Reihenfolge nach Wichtigkeit): Ökonomie, Soziologie und zuletzt die Antropologie. In der Ökonomie kann man die Inflation Anhand von Inifinitesimalrechnungen genau bestimmen. Die Sozialwissenschaften verfügen nicht über solche Mittel. Doch hat die Soziologie ein grosses technisches Vokabular entwickelt, das uns zeigt, dass sie aufmerksam auf Primärformen von Veränderungen, wie soziale Aktion, Mobilität, Rollenkonflikt, Sozialisation, etc. ist.


Che scienze sono le scienze sociali? (Was sind die Sozialwissenschaften?)

Die grosse Frage der Sozialwissenschaften ist welche Art von Erkenntnisse sie erlangen kann und welche die Grenzen dieser Wissenschaften sind. Die wichtigste Frage ist inwiefern die Beiträge der Sozialwissenschaften wissenschaftlich genug sind. Auguste Comte wollte sich an die Exaktheit der Naturwissenschaften anlehnen und eine wissenschaftliche Methode entwickeln.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren sich Wissenschaftler bewusst, dass auch die Wissenschaften verschiedener Natur seien. Mit Wilhelm Dilthey, Heinrich Rickert und Max Weber (1864-1920) hat man zwischen Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften begrifflich unterschieden. Max Weber kam zum Schluss, dass die Sozialwissenschaften keinen strikten Gesetzen folgen, worauf man eine Vorschau basieren könnte. Die Variablen, die man separat aufzählen müsste, wären zu zahlreich. Sozialwissenschaften sind keine normative sondern interpretative Wissenschaften, die nach einer Bedeutung suchen.
Peter Winch, der zu der jüngeren Generation der Sozialwissenschaftler angehört, sagt dass man keine Gesetze formulieren könnte. Dafür solle man von Wechselbeziehung und von Regelmässigkeit sprechen.


Il dilemma natura-cultura (Das Natur-Kultur-Dilemma)

Die Sozialwissenschaften wurden als Wissenschaft der Kultur geboren. Die Meinung der Soziologie ist, dass die Gründe des menschlichen Verhaltens in deren Kultur liegen und nicht in deren Natur. Nach dem zweiten Weltkrieg und wegen dem Genozid der Nazis haben sich die Wissenschaftler davon distanziert, die Gründe des menschlichen Verhaltens in der Genetik zu finden. Der wirtschaftliche Boom der Nachkriegszeit verbreitete die Überzeugung, dass soziale Probleme mit einer starken Wirtschaft gelöst werden könnten. Bis zu den 60-er Jahren hat sich die Soziologie stark entwickelt, nach dieser Zeit blieb ihre Entwicklung stehen. Gleichzeitig war es für die Soziologie eine Zeit, sich mit den angewandten Methoden und mit der Kulturgeschichte auseinanderzusetzen.


Sociologia e antropologia vis-à-vis (Soziologie und Antropologie vis-à-vis)

Antropologie und Soziologie befassen sich beide mit Kultur und nicht mit Natur. Im Folgenden folgt ein Vergleich zwischen diese beiden Wissenschaften.


Soziologie und Antropologie: Unterschiede



Soziologie

  • Befasst sich mit dem soziokulturellen System
    Untersucht die Gesellschaft
    Eurozentristisch
    Methode: Arbeitet mit Statistik
    Untersucht grössere gesellschaftliche Segmente
    Untersucht die Veränderung und deren ausgelösten Krisen
    Heraklits Einstellung des “panta rei”

Antropologie

  • Befasst sich mit dem soziokulturellen System, das aus drei Sektoren besteht:
    Materielles System, Soziale Institutionen und Ausdruck (Mytologie, Religion, Kunst, Sprache)Untersucht die Kultur: Der Mensch als Erzeuger der Kultur
    Untersucht das aussereuropäische Gebiet
    Methoden: kultureller Relativismus; Feldforschung; teilnehmende Beobachtung mit „native informants“ um die Weltanschauung zu verstehen
    Untersucht geographisch gesehen kleinere Gebiete/Kulturen
    Untersucht stabile Situationen
    Versucht strukturelle, funktionelle oder semiotische Modelle zu formulieren
    Parmenides Einstellung von „unveränderbares Sein“

Kritikpunkte für die Antropologie: Der Funktionalismus sieht keine Veränderung vor. Dieser Vergleich ist natürlich mit Vorsicht zu geniessen, denn es ist sehr generalisiert worden. Es soll helfen, die Unterschiede zu erkennen. Man muss sich auch bewusst sein, dass im frankophonen Sprachgebie diese zwei Ebenen häufig nicht voneinander zu unterscheiden sind.