13.11.05

Dufay und die Gattungen Canzone, Ballata und Rondeau

I. Canzone, Ballata und Rondeau

Die Gattungen Canzone, Ballata und Rondeau fallen unter den Begriff „Chanson“, den französischen Ausdruck für „Lied.“ Es bezeichnet im Allgemeinen das in französischer (Volks-) Sprache gesungene „Lied“, das einstimmig oder mehrstimmig sein kann. Zu den „chansons avec refrain“ gehören die Lieder mit den sogenannten „formes fixes.“ Dazu gehören das „rondeau“, die „ballade“ und „virelai.“ Somit ist „Chanson“ ein allgemeiner Begriff für verschiedene Arten von Lieder mit Refrain. Ursprünglich war jedoch eine Liedform gemeint, die in jeder Strophe den Refrain wechselte.
In den Hauptquellen der Chansons zwischen 1420 und 1520, also zur Hälfte noch zu Guillaume Dufays (1400-1474) Lebzeiten, lässt sich beobachten, dass sich im Vergleich zu französischen Handschriften mehr diejenigen italienischer Herkunft erhalten haben. Dies zeigt zum einen, dass die Chansons in jener Zeit geographisch weit verbreitet war und zum anderen, dass die Chansons sich gegen einer einheimische hochentwickelte Tradition durchgesetzt hatten.
Von den „formes fixes“ verschwand die Ballade als erstes aus dem mehrstimmigen Repertoire, sie verlor ihre offizielle Funktion. Auch Dufay komponierte gelegentlich Balladen. Trotzdem zeigt Dufays Komposition „Resvelliés vous et faites chiere lye“, die anlässlich der Vermählung von Carlo Malatesta mit Vittoria Colonna 1423 geschrieben wurde, dass die Ballade mehr und mehr zur Gelegenheitkomposition wurde.
Das häufigste Thema der Gedichte der „forme fixe“ ist die der „complainte amoureuse“: Sie erzählt von zurückgewiesener Liebe zur Hofdame, von den unglücklichen Folgen einer unfreiwilligen Trennung von der Geliebten, usw. Auch die „louange“, Loblied für eine Hofdame, sind sehr beliebt sowie das „serment“, in dem der Sänger sich mit oder ohne Zusage der Dame, zu ihrem treuen Diener erklärt.

Aussagen über die Gesangstechnik jener Zeit basieren auf Vermutungen. Wissenschaftler nehmen an, dass die Klangqualität im Kunstgesang wahrscheinlich nicht weniger war. Bei Chansons mit Solostimme und begleitenden Instrumenten hat der Vortragende vermutlich ein Kehlvibrato eingesetzt, um die Gesangslinie von den Instrumentalstimmen hervorzuheben. Die Singstimme orientierte sich an der Tonhöhe, weniger an der Klangfarbe, um die Ausführung von präzisen Intervallen zu betonen. Dies hat damit etwas zu tun, dass in jener Epoche das harmonische Verständnis weniger ausgeprägt war. Die Stimme sollte nicht über die Harmonien schweben, sondern Töne in ihrer Höhe variieren können.
Eine besondere Eigernart dieser Musik ist eine rhythmische Struktur, die weniger an ein Metrum gebunden war, sondern mehr aus rhythmischen Zellen bestand.


II. Definition der Ballata

„Ballade“ als Begriff wurde nachträglich auf die Gattung übertragen, die aus der französischen Literatur stammt. Die Gattung der Ballade war in den wirtschaftlich und gesellschaftlich entwickelten Teilen des europäischen Bauerntums wie England, Deutschland, Dänemark, Spanien, Portugal und Italien präsent. Die Balladentexte wurden grundsätzlich mit beliebten Melodien gesungen. Mit derselben Melodie wurden verschiedene Texte gesungen. Es kommt auch vor, dass ein Gedichttext mit verschiedenen Melodien unterlegt wurde. Ein Kennzeichen der Ballade ist, dass die Vortragsweise während des Vortrages unverändert bleibt.
Die „Ballata“ wurde als poetische Liebesdichtung in italienischer Sprache von den toskanischen Dichtern entwickelt. Sicherlich war ihr Vorbild die provenzalische „Balada“, eine Gattung der Trobadourlyrik, die gesungen und wahrscheinlich auch getanzt wurde. Diese Gattung erfuhr eine starke Verbreitung im 13. Jahrhundert, da sie bei den Dichtern des „Dolce Stil Novo“, somit auch bei Dante und Petrarca sehr beliebt war. Die berühmteste literarische Quelle des Trecento für die Aufführungspraxis der Ballata ist der „Decamerone“ von Giovanni Boccaccio, der elf Ballatentexte enthält. Das Werk von Boccaccio macht deutlich, dass die Ballata in gehobenen florentiner Gesellschaftschichten in Brauch war. Auch aus Illustrationen und schriftlichen Berichten ist bekannt, dass das Chanson für Aufführungen im intimen Rahmen gedacht war und so zwangloses Zusammensein und Unterhaltung förderte.
Üblicherweise wurde die Ballata von einer Person vorgetragen, während die anderen Anwesenden dazu tanzten, zuhörten oder bei einer „ripresa“ mitsangen. Die Ballata konnte instrumental begleitet werden oder rein instrumental gespielt werden.
Wissenschaftler nehmen an, dass die Ballata vorwiegend mündlich überliefert wurde, da die Zahl der erhaltenen Ballaten geringer ist als diejenige der überlieferten Madrigale.
Erst im 14. Jahrhundert wandelte sich die Ballata zu einem Tanzlied. Dies hat damit zu tun, dass die „Cantio“ als rein poetische Form höher bewertet wurde als das Sonett und die Ballata.
Ab etwa 1360 nimmt die Wichtigkeit der mehrstimmigen Ballata immer mehr zu. Die dreistimmige Ballata lehnt sich an das dreistimmige Madrigal, steht zudem auch unter dem Einfluss der französischen satztechnischen Entwicklungen. Ein wichtiges Merkmal ist, dass keine Stimmkreuzungen zwischen dem Superius und dem Tenor in den Quellen gefunden wurden. Man unterscheidet drei verschiedene Satztypen, die in drei verschiedenen Epochen entstanden sind:

1. Ballaten mit Contratenor in der Superiuslage (ca. 1360-1375)
2. Ballaten mit klangergänzender Mittelstimme (ca. 1365-1405)
3. Ballaten, in denen Contratenor und Tenor in gleicher Lage ein klangliches Fundament bilden (ca. ab 1375).

L’alta belleza tua

L'alta belleza tua, virtute, valore (A, volta)
A che so donna mai donnato amore (A)

Quando piú miro el tuo lizadro aspeto (B, piede)
Angelico real, digno d'impero (C)
D'amor s'enfiama piú l'ardente peto (B)

Suilando ogn'altro fermo el pensero (C, piede)
In te sola dea, signor mio dileto (B)
E farti anchor contenta certo spero. (C)

Von den „formes fixes“ ist die Ballade die ernsteste und anspruchsvollste Gattung. Im Vergleich mit Rondeau und Virelai waren die Balladen prächtiger gestaltet. Mit der Ballade bewies der Komponist seine technischen Fähigkeiten.
Die musikalische Form umfasst die „ripresa“ aus ein bis fünf Versen, die musikalisch dem Teil A entsprechen und ein oder mehrere „stanze“ (Stanzen) mit je zwei „piedi“ aus einem bis drei Versen, die musikalisch dem Teil B entsprechen, und der „volta.“ Diese ist nach dem Vorbild der „ripresa“ gebaut und entspricht musikalisch dem Teil A. Zudem reimt sich der erste Vers der „volta“ mit dem Schlussreim des zweiten „piede“, im letzten Vers übernimmt sie den Schlussreim der Ripresa. Somit ergibt sich die Standardform des Trecento AbbaA, wobei gleiche Buchstaben für gleiche Musik stehen und Grossbuchstaben den gleichen Text.


III. Definition der Canzone

Der Begriff „canzone“ ist ein allgemeiner Begriff für lyrische oder poetische Dichtungen. In der Musik ist eine liedhafte Komposition gemeint. Die italienische „canzone“ war ursprünglich eine instrumentale Bearbeitung der französischen Chanson.
Die altitalienische „canzone“ hat troubadoureske Ursprünge, es handelt sich somit um einen Liebesgesang. Der Unterschied zu der Troubadourlyrik liegt darin, dass der Abstand zwischen dem Liebenden und der Donna nicht mehr im sozialen Rangunterschied, sondern in der Idealisierung der Herrin begründet ist, wie es Dante mit seiner Hauptfigur Beatrice und Petrarca mit Laura gemacht haben. Die Donna gleicht einem Engel, sie ist ein ausserwähltes Geschöpf Gottes. Der Dichter begegnet ihr nur mit Scheu. Somit handeln die Liebescanzonen vom „Dolce Stil Novo“ vor allem von platonischer Liebe, die nicht auf Erfüllung bedacht ist.
Die Autoren verfassten den Text und komponierten meist die dazugehörige Melodie oder arrangierten eine vorhandene Melodie für ihr Gedicht. Eine festgelegte Regel war, dass keine „canzone“ in Sprache oder Musik der anderen gleichen durfte. Die „sonetti“ Dantes und Petrarcas waren ausschliesslich als Dichtung gedacht. Nur vereinzelte Dichtungen von Petrarca wurden von zeitgenösischen Musikern vertont. Jacopo da Bologna mit „Non al suo amante“ und das von Dufay nach Petrarcas Tod komponierte „Vergene bella“ gehören dazu.
Üblicherweise umfasst eine „canzone“ fünf bis maximal sieben Strophen. Die hier aufgeführte „canzone“ von Petrarca bildet eine ungewöhnliche Ausnahme mit ihren zehn Strophen. Die bevorzugte Versart ist die der Sieben- und Elfsilber.

Vergene bella – Francesco Petrarca

(prima stanza)

Vergine bella che di sol vestita, (A, fronte)
coronata di stelle, al sommo Sole (B)
piaciesti sí che 'n te sua luce ascose, (C)
amor mi spinge a dir di te parole; (B)
ma non so 'ncominicar senza tu' aita (A)
e di Colui ch'amando in te si pose. (C)

Invoco lei che ben sempre rispose, (C, sirima)
chi la chiamó con fede. (D)
Vergine, s'a mercede (D)
Miseria estrema de l'umane cose (C)
Giá mai ti volse, al mio prego t'inchina; (E)
soccorri a la mia guerra, (F)
ben ch'i' sia terra, e tu del ciel regina. (E)

(...)

Unter „canzone“ versteht man einen weltlichen dreistimmigen Liedsatz des 15. bis 16. Jahrhunderts.
Die Canzonenstrophe oder „stanza“ ist eine Stollenstrophe, die sich aus zwei Teilen zusammenfügt, nämlich den Aufgesang, la fronte und dem Abgesang. Für Abgesang gibt es verschiedene Begriffe wie „la sirma, la sirima“ oder „la coda.“ Der Aufgesang besteht meistens aus zwei Stollen oder „piedi“, die aus drei oder vier Verse bestehen.
„Vergene bella“ ist das letzte Gedicht aus dem „Canzoniere“ des Petrarca. Es besteht aus zehn Stanzen und einem „envoi.“ Davon wurde von Dufay die erste Stanza vertont.

III.1 Franceso Petrarca und der Dolce Stil Novo

Francesco Petrarca wurde am 20. Juli 1304 in Arezzo geboren. Mit Dante Alighieri und Giovanni Boccaccio bildet Francesco Petrarca jenes Dreigestirn, das dem italienischen Trecento, dem 14. Jahhundert, den Ruf einer literarischen Blütezeit eingebracht hat. Auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Renaissance bildete sich mit dem humanistischen Lebensgefühl die Idee eines neuzeitlichen Menschen heraus, die Petrarca in besonderer Weise verkörpert und im „Dolce Stil Novo“ ausdrückt.
Als Sohn eines aus Florenz verbannten Notars wuchs Petrarca teils in Italien, teils in der Umgebung des Papsthofes in Avignon auf. Nach einem Jurastudium erhielt er 1326 die Weihe zum Geistlichen. Allerdings stand ihm der Sinn mehr nach dem Studium der antiken Autoren und einer eigenen dichterischen Produktion.
Seinem unsteten Leben, das von vielen Wohnortwechseln und Reisen geprägt war, entspricht ein vielgestaltiges Werk. Unserer Zeit ist Petrarca vor allem durch ein in der Volksprache Italienisch abgefasstes Werk in Erinnerung geblieben: den „Canzoniere“ (1342-74, erschienen 1470). Die Sammlung besteht aus 366 Gedichten, von denen die meisten Sonette sind. Die letzte Dichtung der Sammlung bildet die Canzone „Vergene bella che di sol vestita.“
Petrarca genoss bereits zu Lebzeiten als Moralphilosoph und Humanist ein hohes Ansehen. 1341 wurde er in Rom zum Dichter gekrönt und durfte sich fortan "Poeta Laureatus" nennen. Am 19. Juli 1374 stirbt er in Arquà bei Padua.

IV. Das Rondeau

Das Wort Rondeau leitet sich aus dem altfranzösischen Substantiv „rondel, rondet“ und „rondelet“ ab. Die Adjektivform „roont“, die rund bedeutet, leitet sich vom Lateinischen „rotunda“ und „rotundella.“ Das Rondo ist ein gereimtes Refrainlied.
Von den 1420er Jahren bis in die 1490er Jahre war das Rondeau die am weitesten verbreitete musikalisch-poetische Form mehrstimmiger Kompositionen.

Man unterscheidet zwischen „rondeau quatrain, rondeau cinquain“ und dem „rondeau layé.“ Das Rondeau quatrain besteht aus zwei Teile mit je 2 Versen. Das übliche Reimschema ist ABBA. Das „rondeau cinquain“ besteht aus dem A-Teil aus 3 Versen und aus einem B-Teil aus 2 Versen. Für das Reimschema ergibt sich AABBA. Das „rondeau layé“ ist ein abgewandeltes „rondeau cinquain“, bei dem im 2. und 4. Vers je ein Fünfsilbler eingefügt wird, so dass sich das Reimschema AA(B)BB(B)A ergibt.

Quel fronte signorille in paradiso

Quel fronte signorille in paradiso (A)
Scorge l'anima mia (B)
Mentre che in suo balia (B)
Stretto mi tiene mirando il suo bel viso. (A)

Lochi trapassa tutti dei altri el viso (A)
Con sí dolce armonia (B)
Chi cor nostri s'envia (B)
Pian pian in suso vanno in paradiso. (A)

Das mehrstimmige Rondeau des Mittelalters hatte für den Hörer eine komplexe Form. Es handelt sich um eine Form in vier Strophen, deren erste und letzte identisch im Refrain sind und die dritte Strophe, die Langstrophe, zu einem neuen Text die Musik und die Reime übernimmt. Der schwierige Teil liegt in der zweiten Strophe, die mit einer Halbstrophe (auch Kurzstrophe genannt) beginnt und dann die erste Hälfte des Refrains übernimmt. Das heisst, dass er den A-Teil der Musik zweimal verwendet.