3.11.05

Geschichte der Musiktherapie. Eine Einführung.

Musik ist mit ihrer magisch-mytische Wirkung in Heilritualen in sehr frühen Zeiten verwendet worden und wird heute in vielen Kulturen gebraucht, wie z.B von den Frauen der Tuaregs.
Aus verschiedenen Quellen weiss man von der Anwendung der Musik zur Heilbehandlung: Zu den ältesten Zeugnissen gehören die 42 Tempelrhythmen, die Enchuanna, Tochter des Königs Argon von Akkad, ca. 4200 Jahren v. Chr. komponiert hatte und mit denen sie Kranke heilen konnte. David soll mit seinem Harfenspiel König Sauls Depressionen behandelt haben. Auf ägyptischen Papirusrollen von 1500 v. Chr. wird die Wirkung der Musik auf die Menschen beschrieben. Platon beschreibt in seinem Buch „Der Staat“ die Wirkung der verschiedenen Tonleiter auf das Gemüt der Menschen und gibt Vorschriften wann und welche Tonarten verwendet werden sollen. Aber auch Pythagoras (ca. 500 v. Chr.) und Aristoteles (ca. 350 v. Chr.) haben wichtige Beiträge zur Wirkung der Musik geleistet. Herophikos (ca. 296 v. Chr.) hat Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Musikhören und den Puls des Menschen gemacht. Die griechischen Wissenschaftler haben die musiktheoretischen Schriften des Mittelalters bis in die Neuzeit beeinflusst.
Im 14. Jahrhundert wurde der Tarantismus als Erklärungsmodell genommen, für Krankheiten deren Ursachen verborgen waren. Meistens handelte sich um Frauen, die wahrscheinlich an Epilepsie litten. Dem Kranken, bei dem man annham, dass er von einer Tarantel gebissen wurde, wurde die Tarantella oder Pizzica vorgetragen, die übrigens heute immer noch in Süditalien gespielt wird und zum folkloristischen Musikgut gehört. Ihre heftigen Rhythmen der tamburini und das schnelle Tempo liessen den Patient so lange tanzen, bis er in einem tranceähnlichen Zustand geriet und vor Erschöpfung zu Boden lag. Damit glaubte man das Gift auszuscheiden und seine Heilung zu fördern. In der Renaissance und im Barock stand die Affektenlehre im Vordergrund und die Regulation des Pulses durch Schwingungen. Im 16. Jahrhundert bechrieb der Astrolog und Musikwissenschaftler (diese beiden Disziplinen gehörten damals eng zusammen) Marsilio Ficino über die Wichtigkeit eines wohltemperierten Lebens für die Gesundheit der Seele. 1875 schrieb der französische Arzt Hector Chomet ein Buch über die Wirkung der Musik, insbesondere bei epileptischen Anfälle. 1879 eröffnet Wilhelm Wundt (1830-1920) ein psychologisches Laboratorium in Leipzig, das der Beginn der psychologischen und musikpsychologischen Forschung markiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden die heutigen vier Bereiche der Musiktherapie: heilpädagogische, psychotherapeutische, medizinische und antroposophische Musiktherapie. Dies hat damit zu tun, dass das Aufkommen der Medizin, diese Disziplin im 19. Jahrhundert in den Hintergrund gestellt hat. Ein anderer Grund könnte darin liegen, dass der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, der Musiktherapie keine Schriften gewidmet hat, da er selber nicht fähig war zu rationalisieren, wie die Musik auf ihn wirkte. Carl Gustav Jung war vom Potenzial der Musiktherapie beeindruckt und empfahl die Musik als wesentlicher Teil jeder Analyse.
Die ersten akademischen Kurse in Musiktherapie konnten in den USA nach dem zweiten Weltkrieg besucht werden. Die National Assosiation of Music Therapy wurde 1950 ebenfalls in den USA gegründet. In Europa gelang sie etwas später, 1958 wurde in Grossbritannien die British Society for Music Therapiy gegründet. Seitdem hat sich die Musiktherapie relativ schnell entwickelt und verbreitet. In den 1960er und 1970er Jahren wurde die Musiktherapie in den USA als eine Glied der Verhaltenstherapie gesehen. Das Musizieren wurde als eine Aktivität angesehen, die positive Effekte auf die eigene Stärkung hatte. In Italien wurde die Musiktherapie 1973 von Psychologen und Medizinern organisiert, die von der Universität Mailand kamen, worunter Marcello Cesi-Bianchi und Loredano M. Lorenzetti.
Trotzdem wird die Musiktherapie immer noch als eine Disziplin angesehen, die ein ungenügend wissenschaftliches Fundament hat und deshalb nicht genug ernst genommen wird. Aus diesem Grund wurden in den 1980-er und 1990-er Jahren Methoden zur Beschreibung der musiktherapeutische Arbeit entwickelt. Aktuelle Langzeitstudien bezeugen, dass die Musik bei den Kindern die regelmässig musizieren, das Sozialverhalten fördert, den IQ-Wert stärkt, Konzentrationsschwäche kompensiert und gute schulische Leistungen bewirkt, im Gegensatz zu Kinder, die keine Musik machen.