2.11.05

Giuseppe Verdi: Macbeth. Eine Analyse.

Macbeth: Giuseppe Verdi (1813-1901)


II. Fassung.
Melodramma in quattro atti, nach William Shakespeares “Macbeth”, der sich wiederrum von er Chronik von Hilinshed (1577) hat inspirieren lassen. Es handelt sich um die 10. Oper von Verdi.

Uraufführung I. Fassung: 14. März 1847 im Teatro La Pergola, Florenz
Erstaufführung der Neufassung: 21. April 1865 im Théâthre Lyrique, Paris

Im Folgenden wir die II. Fassung behandelt.

Der Text ist von Francesco Maria Piave unter Mitarbeit von Andrea Maffei geschrieben worden. Dies weil Verdi mit dem Libretto von Piave so sehr unzufrieden war, dass er die Mitarbeit von Maffei in den Akten 3 und 4 verlangte. Das Libretto wurde nach der Prosaübersetzung von Carlo Rusconi von Skakespeares „The Tragedy of Macbeth“ verfasst.
Franceso Maria Piave war einer der berühmtesten und gefragtesten Opernlibrettist Italiens. Er hat während seiner Karriere 60 Libretti verfasst. Er hat für Verdi folgende Libretti geschrieben: Ernani, I due Foscari, Macbeth, Il corsaro, Stiffelio, Rigoletto, La traviata, Simon Boccanegra, Aroldo und La forza del destino.
Andrea Maffei war ein enger Freund Verdis und selber Dichter Übersetzter und Germanist. Er gehört zu einer literarischen Strömung, die „scuola classicista“ heisst. Seine Übersetzungen sind häufig nicht sehr exakt, er legt vielmehr grossen Wert auf den Ausdruck der originalen Gedanken für das italienische Publikum. (Verdi war Zeuge bei der Trennung von seiner Frau. Die Trennung verlief friedlich. Er überzeugte die Frau von Maffei sich von ihm trennen zu lassen, weil er viel Geld für Spiel usw. ausgab.)

Aufbau

Personaggi/Rollen

Duncano, re di Scozia: [stumme Rolle]
Macbeth, generale dell’esercito der Re Duncano: Baritono
Bianco, generale dell’esercito der Re Duncano: Basso
Lady Macbeth: Soprano
Dama di Lady Macbeth: Mezzo-soprano
Macduff, nobile scozzese, signore di Fiff: Tenore
Malcolm, figlio di Duncano: Tenore
Fleanzio, figlio di Banco: [stumme Rolle]
Medico:Basso
Domestico di Macbeth: Basso
Sicario: Basso
Araldo : Basso
Ecate, Dea della notte

Cori e comparse

Streghe, Messaggeri del Re, Nobili e Profughi scozzesi, sicari, soldati inglesi, bardi, spiriti aerei, apparizioni, ecc.


Orchester

Piccoloflöte
Querflöte
2 Oboen
2 Klarinetten/Bassklarinette
2 Fagott
4 Hörner
2 Trompeten
3 Posaunen
Bassposaune
Cimbasso

Schlagzeug: Pauken
Grosse Trommel, Becken, Tamtam

Harfe

Violine I + II
Viola
Violoncelli
Kontrabässe

Musik auf der Szene

2 Oboen
6 Klarinetten
2 Fagotte
Banda


Handlung

I. Akt: Die Handlung findet in Schottland im 11. Jahrhundert statt. Am Anfang des vierten Aktes verschiebt sich die Handlung in der Grenze zwischen England und Schottland.
Drei Gruppen von Hexen erscheinen nacheinander, begleitet von Blitz und Donner. Sie kündigen Mabeth und Banco, die siegreich aus einer Schlacht zurückkehren, dass Macbeth Herr von Cawdor und König von Schottland wird, während Banco Vater von Königen sein wird.
Lady Macbeth erfährt durch einen Brief die Probezeihungen der Hexen. Sie will ihren zögernden Mann zum Mörder aufstacheln. Duncan, der in der Nacht Gast im Schlosse sein wird, soll ermordert werden. Macbeth mag dem Willen seiner Frau nicht wiederstehen, als die Mitternachtsglocke läutet, erfüllt der die Tat. Sofort wird Macbeth von Gewissensbissen gequält. Lady Macbeth vollendet den Plan, indem sie ins Zimmer des Königs zurückkehrt und den Verdacht auf die Wache lenkt.
Macduff enteckt als erster das Verbrechen und ruft das ganze Schloss herbei.

II. Akt: Macbeth wird somit König. Der Verdacht des Mordes fiel auf Duncan, der nach England geflohen ist. Lady Macbeth möchte, dass ihr Mann auch Banco und sein Sohn Fleance ermordert, da die Hexen den Thron des letzteren geweissagt haben. Banco fällt in den Händen von Häscher, während sein Sohn den Mördern entkommt. Macbeth sitzt an der Tafel, wenn er die Nachricht von Bancos Tod erhält. Als er dessen leeren Platz sitzen möchte, erscheint sein Geist. Lady Macbeth versucht die Anwesenden mit einem Trinkspruch abzulenken, aber bei der zweiten Erscheinung des Geistes bricht Machbeth zusammen. Die Ahnungen der Gäste werden jetzt zur Gewissheit. Macbeth möchte wieder mit den Hexen sprechen, während Lady Macbeth ihren Mann als Schwächling verhöhnt. Macduff möchte das Land verlassen.

III. Akt: Die folgende Szene ist sehr symbolisch. Die Hexen hocken um einen Kessel, Macbeth möchte, dass sie ihm die Zukunft enthüllen. Drei Erscheinungen kündigen ihm an, dass er sich von Macduff hüten soll, dass keiner, der von einem Weib geboren sei, ihn schaden kann und dass er unbesiegbar bleiben wird, bis der Wald von Birnam wie ein Heer gegen ihn anrückt.
Danach verschwindet der Kessel und geheimnisvolle Dudelmusik ertönt. Sieben Könige aus Bancos geschlecht zeihen stumm an Macbeth vorüber. Banco, als achter und letzter hält einen Spiegel in die Hand. Darauf verkünden die Hexen an Macbeth, dass Bancos Nachkommen leben werden. Macbeth fühlt sich verloren und bricht ohnmächtig zusammen. Lady Macbeth gelingt es seinen Mann aus der Verstörung zu bringen. Beide entscheiden Bancos Sohn und Macduffs Familie endgültig zu beseitigen.

IV. Akt: Grenze zwischen England und Schottland. In der Ferne liegt der Wald von Birnam. Macduff schwört Rache. Malcolm tritt Als Anführer einer englischen Streitmacht gegen Macbeth auf.
Lady Macbeth ist inzwischen an ihren Untaten zusammengebrochen: Ihr Arzt und die Kammerfrau beobachten die nachtwandelnde Lady. Immer wieder versucht sie das klebende Blut der Morde an ihren Hände wegzuwaschen.
Macbeth erkennt die Sinnlosigkeit seines Lebens und der Tot von seiner Frau lässt ihn kalt. Die feindliche Armee rückt immer näher. Macbeth erkennt die Wahrheit der Weissagung. Macduff, der aus dem Schoss seiner Mutter geschnitten wurde, stellt Macbeth zum Zweikampf und ersticht ihn. Malcolm wird als neuer König gehuldigt.

Atto primo

Preludi e coro d’introduzione: “Che faceste? Dite su”
Scena e Duetto (Mabeth e Banco): “Due vaticini compiuti or sono”
Coro di strege, Stretta dell’introduzione : “S’allontanarono! N’accozzeranno”
Scena e Cavatina (Lady Macbeth): “Vieni! T’affretta”
Scena e Marcia: “Oh donna mia!”
Gran scena e duetto (L. Macbeth e Macbeth): “Fatal mia donna! Un murmure”
Scena e Sestetto-Finale primo: “Schiudi, o inferno, la bocca”

Atto secondo

Scena ed Aria (Lady Macbeth): “La luce langue”
Coro di sicari: “Chi v’impose unirvi a noi?”
Gran scena (Banco): ”Come dal ciel precipita”
Finale secondo

Atto terzo

Coro d’introduzione – Incantesimo: “Tre volte miagola”
Ballo
Gran scena delle apparizioni (Macbeth): “Fuggi, o regal fantasima”
Coro e Ballabile: “Ondine e silfidi”*
Scena e Duetto – Finale terzo (Lady Macbeth): “Ora di morte e di vendetta”

*Silfide: La femmina del silfo, dal latino syliphus: Termine usato da Parcelso. Essere mortale ma privo d’anima vivente nell’aria, intermedio tra gli esseri materiali e immateriali. [A.d.A]

Atto quarto

Coro di profughi scozesi: “Patria oppressa”
Scena ed Aria (Macduff): “Ah la paterna mano”
Gran scena del sonnambulismo (Lady Macbeth): “Una maccia è qui tuttora”
Scena ed Aria (Macbeth): “Pietà, rispetto, amore”
Scena e battaglia
Inno di Vittora - Finale


Analyse: Atto IV. Gran scena del sonnambulismo. “Una macchia qui tuttora”

Die „Gran scena del sonnambulismo“ beinhaltet die Szene III. + IV. des IV. Aktes.
Diese Szene war der Höhepunkt in der ersten Version von 1847. Nach dieser Szene nahm die Spannung allmählich ab, um zum einsamen Tod des Macbeths zu führen. Diese Szene wird in der zweiten Version vom Chor „Patria oppressa“ in den Schatten gestellt und vom komplexeren Final.

Die ganze Szene wird von einem Vorspiel in F-Moll von 36 Takte eingeleitet. Die ersten acht Takte präsentieren bereits melodische Zellen von den Themen, die folgen werden, wie Chromatik, Motiv der absteigenden kleinen Terz, Arpeggien und die aufteigenden Glisandi. Gegen Ende des 5. Taktes und Anfang des 6. Taktes ist dieser Abschnitt von einer prägenden Chromatik gekennzeichnet.
Drei Themen aus diesem Vorspiel werden als Einwürfe im Duett zwischen dem Arzt und der Dame wieder aufgegriffen Der Arzt und die Dame beobachten, haben bereits erfolglos zwei schlaflose Nächte gewartet. Plötzlich erscheint die Lady mit offenen Augen und mit einer Lampe in der Hand. Nach den ersten acht Takten erscheint das Thema 1, das vor dem Ausruf von der Dame „Eccola“ wieder aufgegriffen wird.
Das Thema 2 im Takt 18-21 mit der Antwort in den Takten 22-25 wird ebenfalls im Rezitativ wieder aufgenommen. Übrigens diese Thema erinnert stark an das Vorspel des „Coro di profughi scozzesi“!
In diesem Vorspiel erscheint ein weiteres, wichtiges Thema 3 im Takt 29. Das Thema wird von einem verminderten Akkord auf A eingeleitet. Es folgen darauf drei absteigenden chromatischen Passagen. Nach der ersten absteigenden chromatischen Progression wird der Akkord F7 erreicht, dann Bm und am Ende die Molltonika Fm. Diese wird von der Dominante C7 abgelöst, die wieder zu einem verminderten Akkord auf A führt, der nochmals drei absteigenden chromatischen Linien einleitet. Hier haben wir eine Progression F7-Bm-Fm-C7-Fm. Darauf folgt wieder das (Sub-)Thema der absteigenden Terzen, das das Rezitativ zwischen der Hofdame und dem Arzt einleitet (Akt VI/Szene III). Bei „Perché si sfrega la man?“ verwendet dann Verdi nur die erste aufsteigende Zelle des Themas.

Die „cabaletta“ der Lady folgt nach einer Generalpause und die Tonart wechselt auf das helle Des-Dur. Der erste Einsatz der Lady wird von einer charakteristischen Begletiung 1 gekennzeichtet, mit aufsteigender Linie und einen Vorhalt b6-5 auf Des-Dur. Diese melodische Zelle der absteigenden kleinen Sekunde, wurde bereits am Anfang des Vorspiels präsentiert. Beim zweiten Einsatz der Lady erscheint erneut die absteigende chromatische Linie des Thema 3, das schon im Vorspiel angetroffen wurde (Begleitung 2). Die Melodie, die an Lady Macbeth gebunden ist, und in der man zu sehr die absteigenden Linien von Donizetti gesehen hat, hat eine klare dramatische Funktion. Beim dritten Einsatz der Lady, das mit „con forza“ beschrieben wird, kehrt Verdi wieder zur Begleitung 1 mit der aufsteigenden chromatischen Linie, lässt den Vorhalt weg. Bei der Stelle „Di sangue umano“, finde ich, dass die Melodik stark mit dem Inhalt des Textes kontrastiert. Es drückt die Ver-rückt-heit der Lady aus, die von der abgehackten Begleitung unterstützt wird. Die Lady singt an dieser Stelle eine grosse Semptime, ein H über den Grundton C.
An der Stelle, vor dem „Oimè“ der Lady ändert die Begleitung grundsätzlich. Ich habe sie Begleitung 3 genannt, wobei es sich um eine rhythmische Zelle handelt. Auffallend an dieser Stelle sind die chromatischen abfallenden Linien und die enharmonische Verwechslung. Die chromatische Linie (enharmonisch gelesen) c-b-a-as wird über E-Eb-D°-Des-D°7 gezogen. Bei der genaueren Betrachtung ist diese chromatische absteigende Linie nicht Neues. Es handelt sich um eine Zelle des Themas 3.
Der fünfte und letzte Einsatz („A letto...“) der Lady beginnt auf der Dominante Ab7. Interessant ist hier die Harmonk. Auf dem Wort „pallor“ endet der Einsatz der Lady auf D-Dur, der von einem Ab7 eingeleitet wurde. Zu beachten ist die aufsteigende chromatische Linie im Bass auf ges. Die Chromatik wird von hier aus auch in den Akkorden fortgeführt. Durch den abfallenden Oktavsprung der Lady wie ein endgültiges Fallen ausdrückt. Ich empfinde den hellen Des-Dur-Dreiklang auf dem Wort „pietà“ auch einen Kontrast zum Text.
Die Wiederaufnahme des schlafwandlerischen Themas 1 des Vorspiels, diesmal in Des-Dur, mit den darauf folgenden absteigenden kleinen Terzen 1, markiert der Rückfall der Lady in der Dunkelheit ihrer Ängste (entspricht nicht der genauen Übersetzung von „angoscia“, aus dem Lateinischen „angustus“, eng.).

Diese Szene symbolisiert den Abschied von der Welt, die bitter und desillusioniert ist. Die wiederholte besorgniserregende Einladung „con un fil di voce“ von Lady an Macbeth wegzugehen, entlarvt endgültig die Fragilität der Lady.


Kommentierte Beschreibung der Szene mit Analyse der Themen

Atto IV. Scena III

[]F-Moll: Vorspiel 36 Takte
MEDICO: Vegliamm invano due notti
DAMA: In questa apparirà
MEDICO: Di che parlava nel sonno suo?
DAMA: Ridirolo non debbo al uom che viva.... [Thema 1] Eccola!

Atto IV. Scena IV

MEDICO: Un lume recasi in man?
DAMA: La lampada che sempre si tiene accanto al letto. [Thema 2[
MEDICO: Oh, come gli occhi spalanca!
DAMA: E pur non vede. [Thema 3] (Lady depone il lume e si frega le mani, facendol'atto di cancellare qualche cosa)
MEDICO: Perché sfrega le man? [aufsteigende Zelle von Thema 3]
DAMA:Lavarsi crede!
[]Des-Dur: Begleitung 1]
LADY: Una macchia è qui tuttora...Via, ti dico, o maledetta!...Una... Due... gli è questa l'ora! Tremi tu?... Non osi entrar? Un guerrier così codardo? Oh vergogna!... Orsù, t'affretta!...Chi poteva in quel vegiardo tanto sangue immaginar?
[Aufgriff der chromatischen absteigende Linie von Thema 3 , Begleitung 2]
MEDICO: Che parlò?...
LADY: Di Fiffe il Sire sposo e padre or or non era?...Che n'avvenne?...(Si guarda le mani)
[Beleitung 1 ohne Vorhalt]
E mai pulire queste mani io non saprò?...
Dama - MEDICO: Oh terror!...
LADY: Di sangue umano sa qui sempre... Arabia inetera rimondar sì piccol mano co' suoi balsami non può. [Begleitung 3]. Oimè...
MEDICO: Geme?
LADY: I panni indossa della notte... Or via, ti sbratta!...Banco è spento, e dalla fossa . Chi morì non surse ancor.
MEDICO: Questo ancor?...
LADY: A letto, a letto...Sfar non puoi la cosa fatta...Batte alcuno!... Andiam, Macbetto, non t'accusi il tuo pallor.
Dama - MEDICO: Ah, di lei pietà, Signor!
[Rückkehr zum schlafwandlerischen Thema 1 des Vorspiels in Des-Dur]


Geschichte und Mythos

Macbeth ist nach Shakespeares „Tragedy of Macbeth“, zu einem Archetypen geworden, wie z.B. Don Giovanni und Faust. Diese Figuren sind keine mythologische Figuren, sie sind tatsächlich existiert. Historische Quellen über Macbeth geben keine eindeutige Berichte.
Man weiss, dass Macbeth 1005 geboren wurde. Er war mit der königlichen Familie verwandt, nämlich mit Kenneth III, der 997-1005 herrschte und mit Malcolm II, König von 1005-1034. 1033 heiratete Macbeth Gruoch, die Tochter von Kenneth III. Diese hatte ein Kind namens Lulach, das sie aus erster Ehe mit Gillacomgain mitbrachte. Nachdem Malcolm II alle männlichen Nachkommen von Kenneth III getötet hatte, bestieg seinen Enkel Duncan 1034 den Thron. Dieser war jedoch kein starker Führer, so dass es Macbeths Aufgabe wurde, im Land Ruhe zu bringen, da viele Aufrührer den Frieden störten. Eines von diesen war Madowald. Er liess ihn den Kopf abschlagen und ihn auf einen Pfahl stecken. Er liess den Rumpf aufhängen und sandte den Kopf dem König als Geschenk.
Als Duncan seinem Sohn Malcolm den Titel des Prince of Cumberland übertrug, verschwanden alle Chancen für Macbeth, König zu werden. Die Legende berichtet, dass drei Hexen ihm den schottischen Thron prophezeit hatten, worauf Macbeth den Entschluss fasste, seinen König Duncan zu töten. Hier muss erwähnt werden, dass es in jener Zeit üblich war, den Thron mit Gewalt zu erobern. In diesem Sinne machte Macbeth seinen berechtigten Anspruch geltend. Die Regierungszeit von Macbeth dauerte von 1040-1057 und wird als erfolgreich bewertet.
1054 marschierte der Sohn des ermorderten Duncans, Malcolm, mit einer grossen Armee gegen Macbeth. Dieser war nämlich nach der Tötung seines Vaters nach England geflohen. Die entscheidende Begenung, wo Mabeth getötet wird, findet erst drei Jahre später in Lumphanan statt. Auch Macbeths Stiefsohn Lulach, der von seinen Anhänger zum König gerufen wurde, wurde von Malcolm getötet. Dieser bestieg den Thron mit dem Titel Malcolm III.

Wie ihr aus dieser Zusammenfassung zu sehen ist, wird sehr wenig über die Persönlichkeit von der Lady gesprochen. Die Figur der Lady und die ihres Ehegatten wurden durch Musik und Literatur verwandelt. Sie stehen heute für das unstillbare Verlangen nach Macht und für die Verbrechen einer Schreckensherrschaft.
Verdi wurde vorgeworfen, dass er Shakespeare nicht kannte. Tatsächlich gab es bis 1818 keine annehmbare italienische Fassung. 1818-1822 veröffentlichte Michele Leoni die Versübersetzung, 1838 wurde die Prosaübersetzung von Carlo Rusconi veröffentlicht. Diese Version war Giuseppe Verdi und Francesco Maria Piave bekannt.


Unterschied zu Shakespeares Werk

Streichung von Szenen:
Streichung verschiedener Szenen (z.B. halb-komische Szene mit dem Pförtner, Szene von Lady Macduff mit ihrem Sohn usw.).

Weitere Unterschiede:
Dramatischere Wirkung von der Lady.
Viele Sätze die Macbeth bei Shakespeare spricht, werden bei Verdi von Lady Macbeth übernommen (z.B. Bankettszene).

Grossen Wert legte Verdi auch auf die szenische Darstellung, wie aus verschienen Korrespondenzbriefe bekannt ist. Er hatte eine genaue Vorstellung über den szenischen Ablauf der Oper.
Shakespeare und Verdi beschreiben auf gleicher Weise den Weg eines ehrgeizigen und verbrecherischen Tyrannen, wobei sie unterschiedliche Akzente setzen. Shakespeare beschreibt die Überlegungen und den gedanklichen Prozess der zur Tat führt, während Verdi sein Gewicht auf die nachträglichen Erfahrung setzte. Bei Shakespeare ist Macbeth Stifter des Bösen und gleichzeitig das Opfer, bei Verdi liegen die entscheidenden Motoren für das Handeln bei Lady Macbeth und den Hexen, also ausserhalb von Macbeth. Dies ist auch der Grund, wieso Verdi im dritten Akt in der zweiten Fassung die Hexen aufgewertet hat.


II. Fassung von 1865: Wichtigste Änderungen von der 1. Fassung (1847)

I. Akt
1. Szene: gestrichen
2. Szene: Duo Macbeth/Lady Macbeth: 24 Takte wurden in der Stretta „Vieni altrove“ verändert.

II. Akt
1. Szene: Die Cabaletta von Lady Macbeth „Trionfai, sicure alfine“ wird von „La luce langue“ ersetzt.
2. Szene: gestrichen
3. Sene: 1. Halluzination von Macbeth: „Di voi, chi ció si fece”. Verdi schreibt die Baryton-Partie in einer tieferen Tessitura. Die chromatische Begleitungen wird mit Posaunen ergänzt
1. Halluzination von Macbeth: „Va! Spirto d’abisso“. Neue Streicherpartie.
Das Vorspiel der Blechbläser (ottoni) vor „Ma fuggi“

III. Akt
Wird mit einem Ballet ergänzt.
1. Erscheinung: „Dalle basse et dall’alte regioni“ wird in der Harmonie und Instrumentierung neu bearbeitet.
2. Erscheinung: Reaktion von Macbeth wir in „O Macduffo, tua vita perdono“ kondensiert.
Das Rezitativ im „No morrai“ wird in einem schnellen arioso in Fis-Moll umgewandelt.
3. Erscheinung: Die Arie „Oh! Lieto augurio“ wurde hinzugefügt
Die Musik der Holzbläser (anches) wurde neu geschrieben
Der Chor wurde neu orchestriert, obbligato der Föte und die Coda
Die Cabaletta „Vada in fiamme“ wird vom Duettino zwischen Macbeth/Lady „Vi trovo alfin! Che fate?“ ersetzt.

IV. Akt
1. Szene: Der Chor „Vada in fiamme“ wird neu geschrieben und aufgebaut. Ein Vorspiel von Blechbläsern wir hinzugefügt.
Im Duo von Malcolm/Macduff, wird ein Presto bei der Stelle „Fratelli“ hinzugefügt.
2. Szene: gestrichen
3. Szene: Tod des Macbeth „Ma! Per me che m’affida“ in F-Moll wird von einem Fugato-Finale in A-Moll ersetzt.

Die erste Fassung endete mit dem Tod von Macbeth.


Psychologische Analyse: Sigmund Freund

Eine wichtige Erkenntnis der Psychoanalyse ist, dass der Mensch infolge der Versagung neuerotisch erkrankt. Deshalb ist es umso mehr überraschend, dass es Menschen gibt die erkranken, wenn ein tief begründeter und langer gehegter Wunsch in Erfüllung geht. Es scheint, als ob sie ihr Glück nicht vertragen würden. Gewissensmächte verbieten der Person aus der glücklichen Veränderung die sie erleben, einen Gewinn zu ziehen. Lady Macbeth repräsentiert eine solche Persönlichkeit.

Am Anfang ist kein Schwanken, noch ein inneres Anzeichen eines Kampfes zu beobachten. Sie bringt ihren Mann dazu die Mordtaten zu begehen, um ihren Ergeiz zu behaupten. Sie hält es ziemlich lange aus. Bei der Bankettszene verdeckt sie sogar die Verwirrung ihres Mannes.

Ein wichtiger Grund für das Begehen dieser Mordtaten ist die Kinderlosigkeit Macbeth, bedingt durch die Unfruchtbarkeit der Lady. In der damaligen Zeit war das Scheitern der Tronbesteigung vorprogrammiert, wenn man keinen Nachfolger sichern konnte. Macbeth möchte Gründer einer Dynastie werden. Macduff sagt im Akt IV, Sezene 5: „Er hat keine Kinder.“ Weil Macbeth selbst kinderlos ist, konnte er seine Kinder töten, meint Macduff. Sigmund Freud versteht die Erkrankung der Lady als die Verwandlung ihres Frevelmuts in Reue, als Reaktion auf ihre Kinderlosigkeit.

Freud sieht das Ehepaar als einen Charakter, der in zwei Personen aufgeteilt ist. Eine Figur wird erst dann begreiflich, wenn man sie mit der anderen zur Einheit zusammensetzt. Auf dieser Weise könnte den Zusammenbruch der Lady erklären: Die Angstkeime von Macbeth, wie sie Freud nennt, gelangen bei der Lady zur Entwicklung.
Der Gipfel dieser Entwicklung ist wenn Lady ihre Hände wäscht, und das Blut nicht wegbringen kann, obwohl Macbeth die Bluttat begangen hat und seine Hände befleckt wurden. Bei der Lady erfüllt sich, was bei Macbeth Gewissensängste sind.


Rezeption

Verdi schrieb diese Oper nach sechs Monaten von forcierten Ruheferien.
Diese Oper war Verdis Versuch, sich von den auf Rossini zurückgehenden Konventionen zu trennen. Die Neuerungen betrafen die Anlage der Szenen, die Disposition des Ganzen, die Tonartendisposition und die subtile Instrumentation. Die Handlung ist auf dem dramatischen Kern konzentriert.

Eugenia Tadolini sang gegen den Willen Verdis die Erstaufführung in Neapel. Eigentlich wollte Verdi für diese Hauptrolle die Loewe, die sich jedoch von der Bühne zurückzog. Ein wichtiges Zitat von Verdi, das aus dem Brief an Salvatore Cammarano vom 23. November 1848: ...“ Die Tadolini hat eine schöne und gute Figur, und ich möchte die Lady hässlich und böse. Die Tadolini singt vollkommen; ich aber möchte, dass die Lady nicht singt. Die Tadolini hat eine phantastische Stimme, klar, rein, kräftig; und ich möchte für die Lady eine rauhe, erstickte, dumpfe Stimme. Die Stimme der Tadolini hat wetas Engelhaftes: ich möchte, dass die Stimme der Lady etwas Teuflisches hat.“ Marianna Barbieri-Nini wurde dann für die Hauptrolle von Verdi gewählt.

Die florentiner Uhraufführung vom 14. März 1847, die von Verdi selbst dirigiert wurde, wurde vom Publikum entusiastisch aufgenommen. Bis vor „Otello“ war diese eine sperimentelle Oper von Verdi. Verdi kümmerte sich auch um die szenische Realisierung. Er legte Wert auf auf die historische Genauigkeit der Kostüme und Bühnenbilder. Verdi strebte nach einen Gesamtkunstwerk.
Die grosse Neuerung war die Verwendung des Sprechgesangs, also syllabischer Gesang. Verdi nannte diese Technik “un cantabile sui generis” [Mila:345], weil der Begriff Sprechgesang erst später von Schönberg geprägt wurde. In einem Brief an Varesi, der die Hauptrolle spielte sagte Verdi: ...“Insomma ho piu’ piacere che servi meglio il poeta del maestro.” [Mila:336]. Varesi soll dem Dichter dienen, nicht dem Maestro.

Die Kritik war eher zurückhaltend, bemängelte das Fehlen einer Liebeszene.
Ein Freund von Verdi, Giuseppe Giusti, gibt uns eine mögliche Erklärung dazu:
“...Tu sai che la corda del dolore è quelle che trova maggior consonanza nell’animo nostro, ma il dolore assume carattere diverso a seconda del tempo e a seconda dell’indole e dello stato di questa nazione o di quella. La specie di dolore che occupa ora gli animi di noi Italiani, è il dolore d’una gente che si sente bisognosa di destini migliori; è il dolore di chi è caduto e desidera rialzarsi; è il dolore di chi si pente e aspetta e vuole la propria rigenerazione. ...” [Mila:347]
Das Thema des Schmerzes findet Konsonanz im Schmerz unseres Herzens. Aber der Schmerz ändert seinen Charakter, der abhängig vom Wesen und vom gegenwärtigen Zustand der einten oder anderen Nation. Die Art Schmerz, das die Gemüter der Italiener beschäftigt, ist der Schmerz eines Volkes, dass sich nach einem besseren Schicksal sehnt. Es ist der Schmerz derjenigen, die gefallen sind und wieder zu aufstehen wünschen, es ist der Schmerz derjenigen die es bereuen, und die die eigene Regenerierung möchten. (Freie Übersetzung der Autorin).

Trotzdem erorberte sie schnell die Bühnen der ganzen Welt. In den 1880er Jahren verschwand diese Oper aus der italienischen Szene und wurde praktisch bis 1931 nicht mehr aufgeführt. Heute gehört diese Oper zum traditionellen Verdi-Repertoire.


Vokabular

Cabaletta: Entwickelte sich aus der kurzen Arie mit prägnantem Rhythmus und einer Wiederholung. In der Wiederholung kann der Sänger seine Verzierungskunst und seine Virtuosität unter Beweis stellen. Die „cabaletta“ wird allgemein als zweiter, schneller Teil einer Arie definiert, in derer die anderen Stimmen der Solisten oder ein Chor mit einbezogen wird.

Cavatina: Im 18. und 19. Jhr. Bezeichnung für eine kurze Soloarie. Sie ist meistens ein- oder zweiteilig und die Da-Capo-Passage fehlt.
Lady Macbeths „Vieni! T’affretta“ im 1. Akt des Macbeth wird als „cavatina“ bezeichnet.

Stretta: Der im beschleunigten Tempo ausgeführte Höhepunkt und Schlussabschnitt einer musikalischen Passage. Der Begriff wird auch als Alternative zu „cabaletta“ verwendet, wenn eine kurzen abschliessenden Duettsatz gemeint ist.


Literatur:

Fath, Rolf: Reclams Opern Führer, Stuttgart 2002

Gerhard, Anselm/Scheikert, Uwe (Hrsg.): Das Verdi Handbuch, Stuttgart 2001

Lühning, Helga: Arie, III: 18. Jahrhundert, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil (neue Auflage), hrsg. von Ludwig Finscher, Kassel 2001, Bd. I, Sp. 816-823

Mila, Massimo: Il melodramma di Verdi, Bari 1933

Ruf, Wolfgang: Arie, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil (neue Auflage), hrsg von Ludwig Finscher, Kassel 2001, Bd. I, Sp. 809-813

Ruf, Wolfgang; Arie, V. 20. Jahrhundert, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil (neue Auflage), hrsg. von Ludwig Finscher, Kassel 2001, Bd. I, Sp. 839-840

Schneider, Herber: Arie, IV. 19. Jahrhundert, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil (neue Auflage), hrsg. von Ludwig Finscher, Kassel 2001, Bd. I, Sp. 823-839

Silke Leopold: Arie, II. 17. Jahrhundert, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil (neue Auflage), hrsg. von Ludwig Finscher, Kassel 2001, Bd. I, Sp. 813-816

Verdi, Giuseppe: Macbeth, 2. Fassung, Klavierfassung, Ricordi-Ausgabe, Mailand

Verdi, Giuseppe, Macbeth, L’avant scène Opéra, März-April 1982, Paris

Verdi, Giuseppe, Macbeth, hrsg. von der Staatsoper Unter den Linden Berlin, Leipzig 2000


Websiten

www.giuseppeverdi.it

Offizielle Webisite (auf Italienisch)