6.11.05

St. Gallen: Notker's musikalische Sequenzen

Einführung der Begriffe

Wir beginnen mit der Auflistung und Unterscheidung wichtiger Gattungs-Begriffe, die im Zusammenhang mit der Sequenz stehen:

Hymnus: Der Hymnus besteht aus gleichförmigen Strophen, die alle mit derselben Melodie gesungen werden.

Tropen: "Einschaltung" (mit einem neuen Text) "in einen liturgischen Text". [Darstellungsband S. 83].

Sequenz: Die Sequenz bezieht sich auf keinen liturgischen Text. Sie ist dazu bestimmt dem Alleluja-Melisma, den Jubilus, Worte zu geben. Sie besteht aus einer Doppelstrophe, die in Strophe und Gegenstrophe unterteilt ist. Der Versbau und die Melodie sind einander gleich. Die Sequenz wird in Halbchören antiphonisch vorgetragen, die Eingangs- und die Schlussstrophe werden häufig unisono vorgetragen.

Die Sequenz ist als eine Gattung zu verstehen, die "innerhalb des christlichen Hymnus" [Dbd. S. 83] ist. Hymne ist ein Dachbegriff, der im allgemeinen alle poetische Gesänge meint, die in der Liturgie verwendet werden. Die Tropen und die Sequenz sind eng miteinander verwandt, wobei der wichtigste Unterschied, ist, dass die Sequenz "frei" gedichtet ist und sich auf keinen liturgischen Text bezieht.
Die Sequenz war also hauptsächlich ein Gesang der Messe, bevor der Konzil von Trient (1545-1563) Restriktionen vorgab und somit ihre Präsenz stark einschränkte. Sie wurde meistens nach dem Alleluja der Messe, bzw. vor der Evangeliumslesung vorgetragen, aber sie wurde auch als Ersatz für den Hymnus der Vesper verwendet oder im Nachtgottesdienst gesungen. Während der Fastenzeit wurden meistens keine Sequenzen eingesetzt. Je nach geographischen Lagen wurden die Sequenzen sogar während der Andventszeit teilweise ausgeschlossen.


Historischer Hintergrund. Die erste und die zweite Epoche

Wolfram von den Steinen unterscheidet bei der Entstehung der Sequenzen zwischen zwei Epochen:

Die erste Epoche (9.-11. Jahrhundert) nennt er die Zeit der "Initialsequenzen" [Dbd S. 83], die vor allem reichlich im nordosten Frankreichs vorkommen. Die wichtigsten Merkmale bestehen aus folgenden Punkten:

1. Die Strophe und die Gegenstrophe haben den gleichen Umfang
2. Die Einzelstrophe hat keinen festgelegten Vermass
3. Der Strophenumfang besteht zwischen 5-50 Silben (auch mehr)
4. Die Gliederung der Strophen in Kurzverse folgt keiner Regel, sondern dem Gefühl
5. Die Einzelstrophe kann als eine Art liturgische Prosa angesehen werden.

Bereits in den ersten Epoche kann man zwischen zwei Arten von Sequenzen unterscheiden, nämlich zwischen der deutschen und französischen Sequenz. Diese zwei "Stilrichtungen" unterscheiden sich wie folgt:

Deutsche Sequenz

1. Klares Latein mit sorgsamer Grammatik
2. Der Bau der Strophen ist auf Grund der Wortbetonung taktierend

Französische Sequenz

1. Unterscheidet sich von der deutschen Sequenz in ihrer Klangfreude: Das Latein wird vom Romanischen gelenkt
2. Die Versen enden fast alle auf -a
3. Die Grammatik ist jedoch ungenauer
4. Die Sequenz "will klingen" [Dbd S. 84

Die zweite Epoche (12-16 Jahrhundert) unterscheidet sich von der ersten vor allem durch Gesetzmässigkeiten, die langsam, modern gesprochen, als Standard angesehen werden können. Die wichtigen Merkmale dazu sind:

1. Der Versfall ist regelmässig
2. Am Versende ist der Reim klingend
3. Der Vers- und Strophenbau wird hörbar, erfassbar
4. Die Reimstruktur folgt einem Schema wie z.B. AAB CCB

Zwischen diesen zwei Epochen ist noch ein Übergangsstil (11. Jahrhundert), der eine Art Mischung von den zwei oben genannten Stilen ist.
Die berühmte Ostersequenz "Victimae paschali" von Wipo um 1040 gedichtet, kann als Paradebeispiel für den Übergangstil angesehen werden.
Dieser Text hat die Eigenheit, dass er zu Beginn gedrängt und gedanklich ist. Auch die Reimen sind sehr ungenau. Als im Verlauf der Bibelerzählung Maria meldet, was sie am Grabe gesehen hat, beginnen die Reime zu klingen und die Zeilen fliessen wieder. Natürlich kann man diesen Vorgriff als ein ein bewusstes technisches Mittel angesehen werden, die Ungenauigkeit der Reimen verraten jedoch noch eine gewisse Ungesetzesmässigkeit gegenüber der zweiten Epoche.

Der Grundgedanke der Sequenzen in den ersten Jahrhunderten war, dass die Mönche aufgehend im Herrn den Hymnus der Engel und der Heiligen, sozusagen den Hymnus der Welt (Kosmos) sangen. Die Einstimmigkeit dieser Gesänge (Gegorianischer Choral) symbolisiert die "vielfältige Welt", die "dem einen Herrn entgegengehoben wird" [Dbd S. 99]. Die Gregorianik wurde als das "Erbe der urchristlichen Psalmodie" [Dbd S. 118]. Anders ausgedrückt symbolisiert sie die "Idee der Einheit von Mensch und Kosmos vor dem Herrn der Ewigkeit" [Dbd S. 135].
Die Musik hatte bei den alten Christen einen anderen Sinn und Zweck als heute: Sie wurde nämlich strikt als leidenschaftliche Überzeugung abgelehnt. Man wollte sozusagen das Geheimnis des Menschenwortes bewahren. Damals hatten die Instrumente keinen Wert, und auch der Stellenwert war so anders als heute, dass man diese sogar "seellos" nannte.
Das Mass des guten Singens ergab sich aus der Reinheit des Einzelnen und aus der frommen Hingabe. Für den Christen war es nämlich die höchste Ehre, wenn er Gott auf diese Art preisen durfte.

Der Gesang durfte zu keinem Sonderrausch führen, wie man das z.B. in den heutigen afrikanischen Kulturen beobachten kann, wo durch Tanz und Musik bewusst tranceartige Zustände erreicht werden, sondern er ist ausschliesslich Kult. Der gregorianische Choral sollte deswegen nicht als Bewegung im heutigen Sinne verstanden werden, sondern als dauerndes Schweben aufgefasst werden. Der Sänger durfte sich nicht als Könner sondern als Menschen ausdrücken.


Sequenzmelodien

Bei der Bauform der Sequenzen unterscheidet man zwischen parallele und aparallele Sequenzen,
je nachdem zu welchem Verhältnis Text und Musik miteinander stehen. Bei den frühen Sequenzen herrscht vor allem der parallel-syllabischer Typus.
Diese Standardform der Sequenz hat die lateinische Gesangsform in den folgenden Punkten erneuert:

1. Die Melodien sind autonome musikalische Schöpfungen, die nicht auf einer textlichen Struktur gebunden sind.
2. Die Texte erhalten ihre Form und Struktur aufgrund des Prinzips der syllabischen Textierung.
3. Die oben genannten zwei Punkte führen zu einer neuen Art von Dichtung.

Die Sequenzmelodien sind als eine Aneinanderreihung von melodischen Zeilen zu verstehen, die paarweise wiederholt werden. Die einzelnen Zeilen bilden selbständige melodische Einheiten, wobei die Länge der Zeilen stark varieren kann.


Notker Balbulus

Wer war Notker Balbulus? Die Annalen der Benediktinerabtei von St. Gallen berichten von einer ganzen Reihe von "Notkers", die zwischen dem 9. und 12 Jahrhundert gelebt haben. Unter ihnen ragen drei Persönlichkeiten besonders hervor: Notker I. Balbulus, Notker II. Medikus oder Physicus, Notker III. Labeo oder Teutonikus.

Der Notker des "Liber Hymnorum" ist der erste obengenannte. Er wird als "balbulus" bezeichntet, was soviel wie "der Stammler" heisst. Er wurde um 840 in Johannisweiler, das heutige Jonschwil, westlich von St. Gallen geboren, und ist am 6. April 912 gestorben. Ekkerhard IV. berichtet in seinem Buch "Casus Monasterii Sancti Galli", dass er schon vor dem Eintritt des Orden von den Mönchen Mengal und Iso in den sieben freien Künste unterrichtet wurde. Im Jahr 890 wurde er Bibliothekar seines Klosters. Wichtige Förderer seiner Kunst waren die Klosterbrüder Ratpert und Tuotilo.

Notker gilt als der wichtigste Vertreter der älteren Sequenzdichtung (= erste Epoche)


Notker's Hymnebuch

Notker's Hymnenbuch ist sein bekanntestes Werk, das um das Jahr 884 zusammengestellt wurde (St. Gallen, Codex 484 der jedoch nur die Melodien, nicht die Texte von Notker enthält). Es besteht aus einem Ring von 40 Gedichten, bzw. Sequenzen, die nach dem Kirchenjahr geordnet sind. Das Kirchenjahr nimmt Rücksicht auf die grossen Festkreise, Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Die Muttergottes- und Heiligenfeste werden in die Reihe der Sonntags- und Hauptfeste genommen und die allgemeinen Sequenzen sind unter dem Proprium oder das Commune zu finden.

Das Buch ist in vier Themenbereichen unterteilt, nämlich den Weihnachtskreis, den Osterkreis, das Sanctorale und das Commune sanctorum. An die Spitze dieser Sammlung steht ein Widmungsbrief für Liutward, Bischof von Vercelli und Kanlzer des Kaisers Karl III., der damals der mächtigste Mann im Reiche war. Notker verrät uns auch, wieso er zur Dichtung des Hymnenbuches kam: "Als sich noch ein junger Mensch war und die überlangen Melodien so oft im Gedächtnis eingeprägt, aus dem unbeständigen Herzelein wieder entrannen, fing ich im Stillen zu überlegen an, welcher Art ich sie wohl festbinden könnte." [Editionsband, S.9]. Welche Melodien mit "überlangen Melodien" gemeint sind, ist nicht bekannt.

Er erzählt uns weiter, dass er sich auf das Antiphonar von Jumièges stützt, das durch einen Priester nach Sankt Gallen gebracht wurde, nachdem Jumièges von den Normannen zerstört wurde. Dieses Antiphonar galt damals als eine Art "Standardwerk".

Den dichterischen Vorgang sollte man sich bei Notker als gedanklicher Prozess vorstellen, da er anscheinend keine Entwürfe oder Notizen schrieb. Er benutzte meistens bei seinen Gedichten den doppelstrophigen Bau und achtete auf die syllabische Entsprechung der Musik. Von Notker sind nur Dichtungen auf lateinisch bekannt, wobei nicht auszuschliessen ist, dass er auch auf Althochdeutsch gedichtet haben könnte, wobei anzunehmen ist, dass das Pergament dafür zu kostbar gehalten war.

Der Dichter hatte die Möglichkeit zwischen zwei Arten von "Sequenzen" zu wählen:

Stammsequenz: Ist der erste Text, der auf einen bestimmten Alleluja ausgebildet wird. Die poetische Form wird vom Dichter bestimmt.

Nachformung: Eine vorhandene Sequenz wird als Formmodell genommen. Der Silbengang wird dadurch getreu übernommen. Abweichungen davon werden als poetische Lizenz oder Variante angenommen.

Es gibt zusätzlich den Mischtyp zwischen Stammsequenz und Nachformung. Notker verwendete
alle drei Typen in seinen Sequenzen.
Man nimmt an, dass Notker nicht musikalische Sequenzen geschaffen hat, auch wenn bei ihm Musik und Text sehr stark zusammenhängen.

Auch bei der Bauform der Strophen ergaben sich für den Dichter zwei Möglichkeiten:

1. Der Dichter folgt der Melodie und dem Gang der Tonsilben
2. Die Strophen- und Silbenumfänge werden als "Bauform und poetisches Gesetz" [Dbd. S. 480] genommen.

Es ist bekannt, dass Notker zusätzlich zu Iso, ein Mönch irischer Abstammung, Marcellus (ehem. Moengal) als Lehrer hatte. Irische Mönche kamen gegen Mitte des 9. Jahrhundert nach St. Gallen, um den Landsmann Gallus im Kloster zu folgen. Für diese Mönche war Musik eng mit dem Kult verbunden, und es ist bewiesen worden, dass diese viele Neuerungen brachten, die sich auch bei Notker's Sequenzen wiederspiegeln. Typisch für Notker's Melodien ist das Überspringen "der unteren Stufe der Halbtonschritte" und das "akkordische Steigen der Melodie" [Notker's Sequenzen S. 97].
Auch griechische Einflüsse sind in seinen Melodien nicht auszuschliessen, da Karl der Grosse zu seiner Zeit viele griechische Intellektuelle am Hofe hatte.
Man weiss zusätzlich von Notker's Arbeitsweise, dass er anfänglich auf die Silbe "ja" des Alleluja gearbeitet hat, und dass er nach einiger Erfahrung auch auf die Silben "le" und "lu" einen zusammenden Text kreierte. Sein sogennannter Erstling "Laudes deo" wiederspiegelt diese Techniken.
Es konnte auch vorkommen, dass der Dichter die gleiche Sequenzform und die Melodie für zwei verschiedene Texte verwendete. Ein wichtiges Merkmal von ihm, ist dass er häufig mit Assonanzen arbeitete.
A-Assonanzen kamen im ostrfänkischen Stil wenig vor, aber auch Notker hat in seiner eingenen Sequenz "Psallat ecclesia" am Ende der letzten fünf Versikel diese Art von Assonanz benutzt.

Werner nimmt an, dass Notker "nicht bloss aus den Alleluja-Melodien seine Komposition geschöpft, sondern wahrscheinlich auch bekannte und beliebte Tonweisen aus dem Volk" verwendet hat [S. 120].
Zur Bedeutung von Notker's Dichtung meint Werner weiter, dass er "den überlieferten muskalischen Stoff frei bearbeitet, umgegossen, wohl auch erweitert und bereichert", hat, "sodass eine neue Musik-Form enstand; zugleich gelang es ihm derselben einen bedeutende und passenden Gedankeninhalt in Worten als Begleitung mitzulegen" [Dbd. S. 103].
Für seine Zeit hat Notker Pionierarbeit geleistet, indem er seine Gedichte mit einem persönlichen Touch bereichert hat.


Analyse von "Congaudent angelorum"

Umfang der Melodie: eine grosse None
Tiefton: g
Hochton: a'
Noten: 239 (ohne Wiederholungen)
Text: Eingangsstrophe, 6 Teile (2-2-25-3-5-Zeiler), Abgesang (=eine melodische Einheit, 10-Zeiler)
Melodie: Acht melodische Einheiten
Neumenarten: Pes, Climacus nichtkurrent, Torculus, Quilisma-Torculus, Clivis, Clivis 3-tönig, Clivis partiell kurrent, teilweise episemiert, Pes quassus (Oriscus + Virga)


Typische Merkmale von Notker:

1. Dichterischer Stil gehört zur ersten Epoche
2. Weniger Reime sind oft zufällig. "Poetische Prosa"
3. Innere Führung seiner Gedichte
4. Obwohl die Thematik der Sequenzen natürlicher Weise an die Bibel gebunden sind, unterlässt es der Dichter jedoch nicht sein eigenes Wort zu schreiben und seine Hymnen in neuen Perspektiven erscheinen zu lassen


Der Sequentiarteil des Codex Einsiedeln 121 vs Codex 484 von St. Gallen

Was hat nun der Codex 121 von Einsiedeln mit Notker und St. Gallen zu tun? Diese Handschrift hat zwei Teile: der erste Teil besteht aus dem Graduale, der zweite Teil besteht aus einem Sequentiar von 164 Seiten, dem obengenannten Notkers "Liber Hymnorum". Durch diesen Codex wurde es möglich, die Texte von den Sequenzmelodien des Codex 484 zu rekonstruieren. Die Melodien dieser Handschriften stimmen in den meisten Zügen überein. Weil im Codex 484 die Texte fehlen, soll man nicht meinen, dass die Melodien zuerst entstanden seien, sondern man setzt eine Sammlung von Texten voraus, die jedoch in St. Gallen nicht rekonstruirbar sind. Man nimmt also an, dass die Ausgansbasis des Einsiedlers Sequentiar eine sanktgallische Sammlung von Sequenzdichtungen war.


Literatur:

Cattin, Giulio: La monodia nel Medioevo, in: Storia della musica, Band 2, 1991 Turin

Kruckenberg, Lori: Sequenz, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil (neue Auflage); hrsg. von Ludwig Finscher, Kassel 2001, Bd. 8, Sp.1254 - 1286

Von den Steinen, Wolfram: Notker der Dichter, Editionsband, Bern 1948

Von den Steinen, Wolfram: Notker der Dichter, Darstellungsband, Bern 1948

Werner, Jakob: Notker's Sequenzen, Aarau 1901