21.12.05

Flamenco

MGG-Artikel von Maliese Glück/Marius Schneider, Zusammenfassung

I. Entstehung und Geschichte

Flamenco ist der Sammelbegriff für einen bestimmten Stil des Gesanges („cante“), des Gitarrenspiels („toque“) und des Tanzes („baile“), der vor allem im Milieu der Zigeuner Südspaniens in Andalusien enstanden ist.
Über den Ursprung des Wortes „Flamenco“ sind sich Wissenschaftler unsicher: Felipe Pedrell vermutet in seinem „Cancionero musical popular español“ (Bd.2 Valls/Barcelona 1917), dass der Flamenco zur Zeit Karls V. (1500-1558) durch die Flamen (span. „flamencos“) eingeführt worden sei. Für García Barrioso („La música hispano-musulmana en Marruecos“, Larache 1941) ist das arabische Wort “fellah mangu”, das in Marokko Bauernlieder bezeichnet, die Wurzel des spanischen Wortes „Flamenco“. Beide Thesen berücksichtigen jedoch nicht, dass der Begriff Flamenco als Bezeichnung für Zigeuner („flamencos“) und auch für ihre Musik erst sehr spät, nämlich um 1841 auftaucht. García Matos sieht den Ursprung des Wortes „Flamenco“ in dem Begriff „flaman“ der Zigeunersprache, was „hell, gut sichtbar, frech“ bedeutet. Die Zigeuner („gitanos“) Andalusiens als alleinige Schöpfer des Flamencos zu sehen, lehnt jedoch auch Matos ab, obwohl sie eine massgebliche Rolle in seiner Geschichte spielten. Die Musik der Zigeuner ist in der Regel keine Originalschöpfung, sondern eine Abwandlung der Musik ihres Gastvolkes.
Obwohl nachweislich die Zigeuner in Spanien seit dem 15. Jahrhundert in Spanien gelebt haben, ist der Flamenco erst seit dem 18. Jahrhundert dokumentiert. Der Flamenco ist in seiner ersten Epoche, also bis ca. 1850, auf den privaten Rahmen der Gitanos beschränkt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Flamenco popularisiert und professionalisiert. 1842 wurde in Sevilla das erste „Café cantante“ eröffnet. Bald wurden weitere Bühnen in Andalusien eröffnet. Auf diesen Kleinbühnen stellten Gitanos und „payos“ (Nicht-Zigeuner) ihre Kunst dar. Die folgenden Jahrzehnte werden in der Flamencoforschung, in Anlehnung an die Apostrophierung der kulturellen Hochblüte in Spanien im 16. und 17. Jahrhundert auch als „Edad de oro“ des Flamencos bezeichnet.
Mit dem „Concurso del cante jondo“ (Granada, 1922) wollten Manuel de Falla und Federico García Lorca den Flamenco wiedererleben. In den 1950er Jahren erlebt der Flamenco eine ästhetische Erneuerung durch den „Primero concurso nacional de arte flamenco de Córdoba“ (seit 1956) und durch die Gründung des Forschungsinstituts „Cátedra de flamencología“ in Jerez de la Frontera (1957).
Die hochgefeierten Persönlichkeiten des Flamencos waren oft nicht nur Musiker und/oder Tänzer, sondern auch Schöpfer der eigenen Lieder. Meist waren es Leute aus den unteren sozialen Schichten des Volkes, die durch ihre ungewöhnliche Begabung zum Ruhm gelangten.


II. Formen

Allgemein wird der „Cante flamenco“ in „Cante grande“ (grosser Gesang) und „Cante chico“ (kleiner Gesang) getrennt. In neuerer Zeit ist eine dritte Kategorie, nämlich den „Cante intermedio“ (mittlerer Gesang) aufgekommen. Der Cante medio ist eine Mischform, die im andalusischen Folklore verwurzelt ist. Der Cante grande ist Synonym für den „Cante hondo“, der als eine ältere und reine Form des Flamencos gilt. Im Cante hondo sind der zigeunerische Ursprung und der klagende Ausdruck charakteristisch. In diesen Liedern werden Tod, Verzweiflung, Unglück, Schuld, Sühne, Fluch oder Liebesleid thematisiert.

Die folgende grobe Einteilung des Flamencos lehnt sich an die Systematik von J. Crivillé i Bargalló (1983) an:

1. Freie Gesänge „a palo seco“, ohne Instrumentalbegleitung: Tonà, Martinete, Debla, Carcelera, Cantos de Trilla und Saeta.

Die Saeta nimmt eine Sonderstellung ein, da sie ausschliesslich bei der Zeremonie der Kreuzesabnahme und bei der nächtlichen Karfreitagsprozession gesungen wird. Das Wort „saeta“ bedeutet „Pfeil“ und der andalusische Ausdruck für „eine Saeta singen“ lautet, „diparar una saeta“, „einen Pfeil abschiessen“.

2. Freie Gesänge mit Gitarre: Seguiriyas gitanas, Cabales, Caña, Soleà, Polo, Alegrías, bzw. Bulerías oder Mirabás, Soleares oder Soleariyas, Tientos.

3. Metrisch festgelegte Gesänge mit Gitarre: Seguidillas oder Sevillanas, Tangos, Farruca, Peteneras, Vito, Olé, Jaleo, Boleras, Panaderos, Rocieras, Zambra.

4. Fandangos
a.) metrisch festgelegt: Fandangos, Verdiales, Rondeñas
b.) metrisch frei: Fandangos personales, Malagueñas, Granadinas, u.a.

5. „Cante de Levante“ (Gesänge des Ostens): Tarantas, Cartageneras

6. Andere Stilformen wie „Cantes de ida y de vuelta“: Guajira, Colombiana, u.a.


III. Elemente und Charakteristika

Die Gestaltung und die Schöheit des Cante flamenco hängen von der Audruckskraft und der besonderen Stimmbildung des Sängers („cantor“) ab. Eine rauhe, heisere Stimme („rajao“), Kehllaute und ein spezifisches Vibrato kennzeichnen diese Gesangstechnik. Die rhythmischen Figuren und die tonalen Strukturen, welche Mikrointervalle aufweisen, werden stark durch die dramatische Deklamation bedingt.
Die Dichtungen bestehen meist aus vierzeiligen Strophen („coplas“) zu je 8 Silben. Weitere Merkmale sind ausgeprägte Melismen, schnelle Wechsel von melodischer und rezitativischer Vortragsweise, freier und gebundener Rhythmus.
Eine äusserst ausdrucksvolle Ornamentik und der Drang zur Dramatisierung sind weitere Merkmale dieses Gesangstils. Der Cante flamenco beginnt oft mit einer klagenden Silbe „Ay“, die als Seufzer gesungen und mit dem Ausdruck „salida“ (Auftritt) bezeichnet wird. Der anschliessende Gesang verläuft in sehr freien oder rezitativischen Formeln. Im allgemeinen wird ein Stück niemals in genau derselben Form wiederholt.
Die Gitarre hat eine rhythmisch-perkussive Funktion und liefert auch das harmonische Fundament. Die mit „rasgueado“ bezeichnete Spieltechnik ist charakteristisch: schnelle arpeggioartige Akkordanschläge, bei denen mit dem Nagelrücken aller Finger durch die Saiten geschlagen wird. Durch schnelles Aneinanderreihen entsteht ein Gefühl des Rollens. Neben der Dur-Moll-Tonalität scheint die tonale Struktur des Flamencos in einem E-Modus zu wurzeln. Typisch dazu ist die andalusische-phrygische Kadenz, ein Quartabstieg mit abschliessendem Halbtonschritt: a-g-f-e.
Die meisten Stücke werden durch ein kurzes Vorspiel („tiento“) eingeleitet. Während den Pausen, die der Sänger oder Tänzer einlegt, improvisiert der Gitarrenspieler ein Zwischenspiel, das als „rosa“ oder „falseta“ bezeichnet wird.
Die häufigsten Takte, die im Flamenco vorkommen sind der Dreier-, Vierer-, oder Zwölfertakt, worüber polyrhythmische Figuren entstehen. Durch die verschiedenen Akzentuierungen und metrischen Verschiebungen lassen sich die Gattungen untereinander unterscheiden. Zur wichtigen Ausgestaltung des Rhythmus kommen das Klatschen der Hände („palmas“), das Fingerschnippen („pitos“) und der „zapateado“ des Tänzers hinzu. Die Fusstechnik ist hochentwickelt: Durch das Aufschlagen der Schuhsohle („planta“), der Schuhspitze („punta“) und des Absatzes („tacón“) kann der Tänzer vielfältig, abgestufte Klänge erzeugen. Die grossen, kreisenden Armbewegungen („brazeos“), die sich in kleinen Kreisbewegungen der Handgelenke („muñecas“) fortsetzen, sind ein weiteres wichtiges Merkmal. Zusätzliche Accessoires wie die Kastagnetten, der Fächer oder ein Schultertuch mit langen Fransen („mantón“) werden zum Ausdruck des Tanzes hinzugezogen.
Ein typisches Stilelement des Flamencos, ist das Publikum, die „aficionados“. Sie sind ein wichtiger Bestandteil eines gelungenen Festes („juerga“). Ihnen fällt nämlich die wichtige Aufgabe der „jaleos“, des Händeklatschen und der Zwischenrufe „olé“, durch das sie die Darstellenden anfeuern und auf deren Darbietung reagieren und sie kommentieren.