1.4.06

Die Musik auf den kapverdischen Inseln

Die Republik von Kap Verde ist sechshundert Kilometer von der senegalesischen Küste entfertnt. Sie unterteilt sich in zwei Inselgruppen die dem Wind zugewandte Barlavento-Gruppe im Norden und die im Windschatten gelegenen Sotaventos im Süden. Die kapverdischen Inseln bestehen aus S. Antau, S. Nicolau, S. Vicente, Sal, Boavista, Maio, Santiago, Fogo und Brava waren bis am 5. Juli 1975, Tag der nationalen Unabhängigkeit, eine portugiesische Kolonie.
Die Inseln wurden 1460 von den Portugiesen entdeckt und waren noch nicht besiedelt. Die Inseln wurden als strategische Positionen während der Meeresfahrten benutzt. Freie Europäer und Sklaven der westafrikanischen Küste verschmolzen zu einem Volk mit eigener Wesens- und Lebensform. 80% der Bevölkerung sind Mestizen, 17 % Schwarze, 3% Weisse. Der gesprochene Dialiekt ist das Kreolisch. Die Kriolu-Sprache zeigt von Insel zu Insel feine Unterschiede: Auf der Insel Brava ist sie mit dem Portugiesischen am ähnlichsten, wärend auf São Tiago das Kreolisch sehr afrikanisiert ist.
Während der fünfhundert-jährigen Besetung der Portugiesen wurde die Entwicklung der Inseln vollkommen ignoriert. Armut und Hungersnöte waren die Folge. Viele Inselbewohnern emigrierten ins Ausland. Etwa nur ein Drittel der Inselbewohner lebt noch auf den Inseln. Der Rest lebt in den USA und Europa. Fast in jeder Familie gibt es Verwandte, die im Ausland leben. Die Trennung und die Sehnsucht ist das auffalendste Merkmal der kapverdischen Musikkultur.


Morna

Die Musik ist ein fester Bestandteil der Kapverdaner. Morna ist eine Musikrichtung von Cabo Verde, das auf der Insel Boavista beheimatet ist .

Die Morna lässt sich folgendermassen charakterisieren:
· Moderates Tempo in 4/4
· Gesungene oder gespielte Legato-Melodie
· Synkopierte, rhythmische Begleitung des „cavaquinho“ (viersaitige Gitarre)
· Die Rhythmik ähnelt der kubanischen Habanera
· Melodische Variationen und rhythmische Unterstützung durch Violine und Gitarre
· Die Basslinie wird von der Gitarre gespielt
· Die Stücke sind meistens in einer Molltonart

Bis zum Aufkommen von elektrischen Instrumenten wurden Mornas von Ensembles unterschiedlicher Grösse begleitet. Die enthielten eine Gitarre, häufig eine Geige, gelegentlich einen Bass oder eine Klavier, seltener ein Akkordeon. Der hohe Klang, der ein Erkennungsmerkmal vieler Mornas ist, stammt aus dem Cavaquinho, einer vierseitigen Gitarre, ein Instrument, dass in Portugal und Brasilien verbreitet ist. Ein weiteres Instrument is die zwölfsaitige Tenorgitarre, die „viola“. Sie ist etwas kürzer als die gewöhnliche Gitarre. In den zeitgenössischen Mornas werden auch Trompete, Saxophon, Klarinette, E-Gitarre, Klavier, Synthesizer und Streicher eingesetzt. Häufig ist ein instrumentales Zwischenspiel.

Meistens kommen folgende Akkord-Progressionen vor:
· Im – IVm – Im -V7 - Im
· Im – V7 – Im – IVm – I – V7 – I
· Im – V7 – IVm VII7 – Im –VI –V7 – Im

Im Mittelpunkt der Morna stehen die Texte. Eine Morna kann sich als dichterischer Text selbst genügen. Der „maniha“ war eine dem Morna ähnliche Form, die aber heutzutäge selten zu hören ist.

Die Texte der Morna beinhalten folgende Themen:
· die Isolation der Inselbewohner
· meistens seriöse und traurige Themen die sehr poetisch ausgedrückt sind
· „sodade“, das kriolische Wort für „saudade“, Sehnsucht und Heimweh
· Sehnsucht nach dem fernen „cretcheu“, dem Geliebten
· über die Schönheit der Geliebten
· über den Schmerz einer Trennung
· über die Härte des Schicksals

Die Morna hat sich im 19. Jahrhundert aus dem portugiesischen „fado“ und aus der brasilianischen „modinha“ entwickelt. Das Wort Fado stammt aus dem Lateinischen „fatum“, was Schicksal bedeutet. Der Fado beinhaltet arabische Elemente und basiert meistens auf der Molltonart. Auch im Fado kommen besonders der Schmerz und die „saudade“ zum Ausdruck. Die Modinha stammt von der italienischen Opernarie des 18. Jahrhundets. „Modinha“ ist ein Diminutiv von „moda“, die Bezeichnung für ein altes portugiesisches Lied.
Die klassischen Mornas sind im 18. Jahrhundert von dem Komponisten Eugénio Tavares komponiert worden. Diese Gattung wird immer noch heute gedichtet, bzw. komponiert. Eugénio Tavares wurde 1867 auf der Insel Brava geboren. Er ist der beliebteste Morna-Komponist und auch eine romantisierte Gestalt in den Überlieferungen. Seine Berühmtheit beruht vor allem auf der Tatsache, dass er einer der ersten war, der die anspruchsvolle Dichtung in Kreolisch anstelle von Portugiesisch schrieb. Tavares Mornas handeln von dem Leid und der Vergeistigung romantischer Liebe, wie er in „Força de cretcheu“ und „Vida sem Bo luz“ schildert. „O mar eterno“ ist eine autobiographische Morna von Tavares, die durch eine unmögliche Liebe zu einer Amerikanerin, inspieriert wurde. „Hora di Bai“, Die Stunde des Abschieds, ist eines seiner berühmtesten Kompositionen, die traditionell in den Werften von Brava gesungen wurde, wenn die Menschen an Bord der Schiffe nach Amerika gingen. Als Tavares 1930 starb, wurde er zu seiner Ruhestätte von einer riesigen Menschenschar begleitet. „Mornas e Manijas“ ist eine portugiesische Sammlung von Osorio de Oliveira von Tavares“ bekanntesten Morna-Texten.


Sodade – Luis Morais/Amandio Cabral

Quem mostra’ bo
Ess caminho longe?
Quem mostra’ bo
Ess caminho longe?

Ess caminho
Pa São Tomé

Sodade, sodade
Sodade
Dess nha terra Sa Nicoloau

Si bô ‘screvé’ me
>M ta ‘screvé’ be
Si bô ‘screvé’ me
>M ta ‘screvé’ be

Sodade, sodade
Sodade
Dess nha terra Sa Nicoloau

Até dia
Qui bô voltá


Heimweh

Wer begleitete dich
Auf dieser weiten Reise?
Wer begleitete dich
Auf dieser weiten Reise?

Diese Reise
Nach São Tomé

Sodade, sodade
Sodade
Nach meinem Land São Nicolau

Wenn du mir schreibst
Werde ich dir schreiben
Wenn dur mich vergisst
Serde ich dich vergessen

Sodade, sodade
Sodade
Nach meinem Land São Nicolau

Bis zu dem Tag
An dem du heimkehrst

Cesária Évora machte die Morna Weltberühmt. Sie ist 1941 in der Stadt Mindelo, in der Insel São Vicente zur Welt gekommen. Sie wird die „barfüssige Diva“ genannt, weil sie traditionell ohne Schuhe auftritt. Dies ist ihr Zeichen von Solidarität mit denen, die zurückblieben, mit dem zerlumpten Kindern im Landesinnern der Inseln, für di eine Reise nach Praia, die kleine Hauptstadt der Insel São Tiago ein Traum bleibt. 1988 wurde sie von dem Franzosen José da Silva mit kapverdanischen Wurzeln nach Paris eingeladen, wo sie mit 47 Jahren auf der ganzen Welt berühmt wurde. Cesária Évora vergleicht Morna mit dem Blues, da sie meint, dass beide Genres die Schmerzen des Lebens audrücken.


Coladeira

In Kontrast zur Morna steht die „coladeira“, einen Paartanz, der leichter ist und in einem schnelleren Tempo aufgeführt wird. Die Ursprünge der Coladeira liegen in der karibischen Musik wie Beguine, Cumbia und Calypso.


Weitere Stilrichtungen: Batuko, Finason, Funana und Tabanka

Die Genres, welche auf afrikanischen Ursprung zurückgehen, sind „batuko“, „finaçon“, „funana“ und „tabanka“. Diese Stilrichtungen kennzeichnen sich durch folgende Merkmale:
· Rhythmus wird mehr als die Melodie hervorgehoben
· Frage-Antwort-Struktur
· Einfache harmonische Struktur
· Offene, laute Singstechnik ohne Vibrato

Batuko, Finaçon und Funana entwickelten sich aus denTabanka-Riten, die von den Badius uaf São Tiago gefeiert wurden.

Batuko

Batuko (erinnert stark an das Wort „batuque“ von Brasilien) wird in Santiago von Frauen-Gruppen vorgetragen. Eine Frau leitet das Ensemble, welches Lieder in Frage- und- Antwort vorträgt. Die Gruppe formt einen Kreis und begleitet sich entweder durch binäre oder ternäre Rhythmen, indem sie auf einen zwischen den Knien geklemmten Kissen oder Stoffballen („tchabeta“), klopfen, durch Händeklatschen oder durch die Begleitung Friktonsinstrumenten wie „ferrinhos“. Die Überlagerung der Verschiedenen Rhythmen formen sich zu einem polyrhythmischen Muster, welches typisch für den Batuko ist. Während die Gruppe singt, tanz mindestens ein Mitglied in der Mitte des Kreises. Dieser Tanz, der „torno“ heisst, besteht aus schnellen Beckenbewegungen, welche durch eine Schärpe unterstrichen werden. In der Verganenheit wurde zur Begleitung des Batuko eine einsaitige Fiedel westafrikanischen Ursprungs, die „cimboa“, gespielt.

Finaçon/Finason

Finaçon betont einen rhythmisch gesprochenen Text und ist eng mit dem Batuko verbunden. Eine Batuko-Session beginnt oft mir einer Finason. Der Unterschied zwischen Finason und Batuko besteht darin, dass Finason nicht mit Tänzen begleitet wird. Bei der Finason trägt eine einzelne Person auf einer rhythmischen Art eine längere Geschichte vor, während das Ensemble einen festen Rhyhtmus klopft. Sowohl bei der Finason als auch beim Batuko tragen die Sänger Parabeln oder allegorische Kommentare über Themen vor, die für die Gemeinde von Interesse sind. Gleichzeitig erfüllen sie die Funktion von historischen Informanten, die über Details von Anlässen, Personen und Familien berichten.

Funana

Funana ist eine Musik, die auf das Akkordeon basiert und das in Santiago verbreitet ist. Dabei gibt es volkstümliche und populäre elektronische Versionen. Traditionellerweise wird Funana mit ein diatonisches Akkordeon mit Knöpfen, die auf zwei Reihen verteilt sind, gespielt. Üblicherweise spielen zwei Musiker das Akkordeon: während der einte den Sänger begleitet, verdoppelt der andere die Gesangsmelodie. Funana wird in einem schnellen Tempo in 4/4 gespielt. Der harmonische Wechsel findet üblicherweise zwischen zwei benachbarten Akkorden statt, wie zum Beispiel Am-G (A-Moll und G-Dur). Funana ist ein Paartanz, der ähnlich wie Merengue der Dominikanischen Republik getanzt wird, also mit ausgeprägten Beckenbewegungen. Funana wurde ein nationales Symbol der Kapverdianer, verstand sich als Widerstand gegen den Kolonialismus.

Tabanka

Tabanka weist auf gegenseitige Hilfe hin der religiösen Gemeinschaften in Santiago und deren Aktivitäten. Tabanka ähnelt ein bisschen dem Karneval: An bestimmten Festtagen verkleidet sich die Bevölkerung und schlupft in die Rollen, die es in der Kolonialzeit gegeben hat: Königin, Sklave, Herr des Hauses, usw. Die Parade wird von Batuko-Musik begleitet.


Neue Entwicklung: Funacola

Die Funacola ist eine Verschmelzung aus Coladeira und Funana. Es handelt sich um eine neue Entwicklung, die von der in Praia und Paris lebenden Gruppe Finaçon populär gemacht wurde.