1.4.06

Solmisation

Solmisation ist im engeren Sinne die Methode, den Tönen einer Melodie beim Einstudieren die Silben des Hexachords (Sechstonreihe), die auf Guido D’Arezzo zurückzuführen sind, zu unterlegen. Im weiteren Sinne bezeichnet es jede Methode, Vokalmusik mit bestimmten Silben, die durch die verschiedene Stufen einer Tonreihe repräsentiert werden, zu singen.

Die Solmisationssilben nennt man DO-RE-MI-FA-SOL-LA-(SI oder auch TI). Diese Silben stammen aus den ersten sechs Halbversen vom Johannes-Hymnus „Ut queant laxis“, dessen Text aus der Zeit um 800 stammt:

UT queant laxis (c)
REsonare fibris (d)
MIra gestorum (e)
FAmuli tuorum (f)
SOLve poluti (g)
LAbii reatum (a)

Sancte Johannes.

Das Hexachord war in der Zeit von Guido D’Arezzo die Solmisationseinheit. Ein Hexachord wurde aus einem Tetrachord gewonnen, bei dem unten und oben je ein weiterer Ton hinzugefügt wurden. Für DO wurde ursprünglich die Silbe UT verwendet. Jede Anfangssilbe dieses Hymnus beginnt auf die nächst höherer Stufe einer C-Dur-Tonleiter, so dass sich der Sänger gleichzeitig mit den Silben die Tonhöhe merken konnte.

Durch die Solmisationssilben kommen die Melodieintervalle zum Ausdruck und man kann gleichzeitig unbekannte Melodien Einüben, die Stimmbildung und die Aussprache trainieren. Dies ist ein Grund, wieso diese Methode breite Anwendung gefunden hat und immer noch findet.

Das Silbensingen wird schon in der vorchristlichen Zeit überliefert und auch in aussereuropäischen Kulturen ist diese Methode verbreitet. Hier einige Beispiele:

Bali:
Ding-Dong-Dang-Déng-Dung-Dang-Dong

Indien:
Sa-Ri-Ga-Ma-Pa-Dha-Ni

Arabien:
Dal-Rra-Mim-Fe-Sad-Lam-Sin

Die Griechen haben den diatonischen Tetrachord (e-f-g-a) durch folgende Silben bezeichnet:
ta-th-tw-te.

Dabei drückten die Silben ta und th den Halbtonschritt aus.

Guido D’Arezzo konnte die Verwandtschaft der Hexachorden c-a und g-e beweisen. Jeder Ton dieser Reihen weist innerhalb des Hexachords in Bezug auf seine Stellung zu anderen Tönen die gleiche Eigenschaft, die „proprietas“. Die Töne e und h haben über sich einen Halbton und unter sich zwei Ganztöne. Diese Eigenschaft konnte mit der Silbe MI versinnbildlicht und ausgedrückt werden. Diese Methode fand sehr schnell eine grosse Verbreitung und war bis ins 13. Jahrhundert ausgebildet. Guido D’Arezzo hatte aber noch nicht die Doppelstufe h/b berücksichtigt. Das b wurde berücksichtigt, indem es in der Reihe f-d eingereiht wurde. Der Sänger bediente sich somit um die folgenden drei verschiebbaren Sechstonreihen:

Hexachordum naturale: c-a (mit h)
Herxachordum durum: g-e (mit h)
Hexachordum molle: f-d (mit b)

Wenn der Umfang des Hexachords überschritten wurde, solmisierte der Sänger mit den beiden Hexachorden auf c und g, d.h. der Sänger musste ins nächste Hexachord übergehen. Diesen Vorgang nennt man auch Mutation. Wenn ein b vorkam, verband man den Hexachordum naturale c-a mit dem Hexachordum molle f-d.
In den Lehrbüchern wurden die Intervalle (Abstand zwischen zwei Töne) durch die Solmisationssilben ausgedrückt und zahlreiche Regeln hielten fest, auf welchen Stufen man mutieren musste und welche Mutationen auf jedem Ton theoretisch möglich waren. Die unter Musikwissenschaftler berühmte Regel „una nota supra la semper est canendum fa“ („bei jeder Note über a muss man ein Fa singen“), besagt dass beim Überschreiten des Hexachords um nur einer Stufe immer ein Halbton zu singen sei. Konkret heisst das, dass z.B. wenn beim Hexachordum naturale c-a, das a überschritten wird, muss ein b gesungen werden. Die Melodie verläuft dann meistens wieder abwärts. Ein weiteres Verbot war die Verwendung des Tritonus. bzw. der verminderten Quinte. Der Merkspruch dazu war „mi contra fa diabolus in musica“, „Mi gegen Fa ist der Teufel in der Musik“. Was heisst dies genau? Zwischen Mi-Fa also e-f ist doch ein Halbton Unterschied? Die Lösung ist einfach: Mit Mi ist die dritte Stufe des Hexachordum naturale c-a, also e und mit Fa ist die vierte Stufe des Hexachordum molle f-d, also b, gemeint. Das Intervall e-b (oder auch umgekehrt) ergibt einen Tritonus (#4)bzw. eine verminderte Quinte (b5). Im Mittelalter verband man dieses Intervall mit dem Teufel, und deshalb musste es absolut vermieden werden. Dieses Intervall ist tatsächlich unstabil und für das damalige Musikverständnis klang es sehr dissonant. Wir hören heute ganz anders auch weil sich die Intervalle im Verlauf der Musikgeschichte „emanzipiert“ haben und weil die Dur-Moll-Tonale-Musik das Musikvokabular immens erweitert hat. Der Tritonus ist z.B. dasjenige Intervall, das den Dominantakkord so spannungsreich macht.

Dieses System der Solmisation erwies sich als problematisch im 17. Jahrhundert, besonders wenn bei der Melodie von Guido D’Arezzos festgelegte Tonalität, grössere Sprünge auftreten und chromatische Halbtöne in die Melodien eingestreut waren.
Die ersten Reformer versuchten als erstes den Hexachord zur Oktave zu erweitern. 1482 unternahm Ramos de Pareja den Versuch, eine Dur-Melodie nach den acht Silben Psal-Li-Tur-Per-Vo-Ces-Is-Tas singen zu lassen. Dieser Vorschlag blieb jedoch erfolglos.
Es scheint, dass im 16. Jahrhundert die Silbe SI für die 7. Stufe vom Musikpädagogen H. Waelrant eingeführt worden sei. Waelrant soll auch die Silben Bo-Ce-Di-Ga-Lo-Ma-Ni erfunden haben. Dieses System wurde „Bocedisation“, nach den Anfangssilben des Systems, genannt.
1601 setzt J. Burmeister für die 7. Stufe die doppelten Silben SI für h und SE für b. Dieses System fand grossen Anklang unter den Theoretikern, trotzdem wurden immer wieder neue Systeme vorgeschlagen und entwickelt oder Traditionalisten kehrten zum Hexhachord zurück. 1659 entwickelte O. Gibelius ein System für chromatische Töne, wobei er das UT in das heutige DO veränderte. Gibelius’ System bestand aus folgenden Silben:

DO-RE-MI-FA-SO-LA

Zusätzliche Silben für chromatische Töne:

C#: DI
D#/Eb: RI/MA
F#: FI
G#/Ab: SI/LO
B: NA
H: NI

Man muss sich bewusst sein, dass in jener Zeit noch nicht das temperierte System eingeführt wurde, so dass die Hoch- und Tiefalterierungen noch nicht auf alle Töne möglich war.

Im 19. und 20. wurde durch die Neubelebung des Schulgesangs das System von Gibelius aufgegriffen und weiterentwickelt. Heute werden üblicherweise für die Hochalteration # der Vokal i, z.B. DO# = DI, und für die Tiefalteration b der Vokal a, z.B. REb = RA, verwendet. Weil G# durch Hochalteration SI ergibt, benutzt man für das H die Silbe TI.