7.5.06

Der Fado

Mit Fado bezeichnet man ein portugiesisches Vokal- und Tanzgenre. Der Fado hat zwei charakteristische Traditionen: Der Fado aus Lissabon und der Fado, oder auch sogenannte „Canção de Coimbra“, aus der Stadt Coimbra.

Fado bedeutet wörtlich „Schicksal“. Der Fado ist in den Armenvierteln von Lissabon in der Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Diese Zeit entspricht derjenigen der Übersiedlung nach Brasilien des portugiesischen Hofes (1808), welche den kulturellen Austausch gefördert hat.

Fado könnte möglicherweise aus einer Synthese von verschiedenen Genres entstanden sein, nämlich:
· Aus dem „lundum“ aus Brasilien, ein Vokal- und Tangenre afrikanischen Ursprungs.
· Aus der „modinha“. Die modinha stammt von der italienische Opernarie des 18 Jhr. „Modinha“ ist ein Diminutiv von „moda“, Bezeichnung für ein altes portugiesisches Lied.
· Aus dem „fado“, ein brasilianischer Tanz, welcher immer noch in den ländlichen Gegenden des Staates von Rio de Janeiro in Brauch ist.
· Aus der „fofa“, ein sinnlicher Tanz, der in Brasilien und in Portugal im 18. Jahrhundert verbreitet war und der wahrscheinlich der Vorgänger des Lundus war.


Ursprünglich wurde zum Fado, der mit der fünfsaitigen Gitarre, die „guitarra“, begleitet wurde, getanzt.

Die Entwicklung des Fados wird von den Forschern in vier Phasen unterteilt:
· Erste Phase: die „spontane und populäre“ Phase (1830-1868/9). Der Fado war besonders in den Armen- und Prostitutionsvierteln verbreitet.
· Zweite Phase: der „aristokratische und literarische“ Fado (1868/9-1890). In dieser Zeit erreichte der Fado die bürgerlichen Schichten.
· Dritte Phase: In der Zeit von 1890-1920 erfuhr der Fado eine grosse Verbreitung und wurde in denVarietés integriert.
· Vierte Phase: Diese Phase hat in den 1930er Jahren begonnen. Seit dieser Zeit hat sich der Fado professionalisiert und sich zu einem künstlerischen Ausdruck weiterentwickelt. Die improvisatorischen Teile sind ausgefallen und die Einführung, die Texte und der kompositorische Stil wurden erneuert. Diese Zeit entspricht auch diejenige des totalistischen Régimes des „estado novo“, der von 1924-1974 gedauert hat. Diese Zeit war von der Zensur geprägt. Die Musiker mussten eine Lizenz, die „carteira profissional“, besitzen, um ihren Beruf ausüben zu können und in einem touristischen Restaurant, die „casa típica“ auftreten zu können. In dieser Zeit wurden auch die ersten Fados aufgenommen und in Radio und Fernsehen ausgestrahlt. Diese Zeit hat brillante Interpreten wie Amália Rodrigues (1920-1999), Alfredo Marceneiro (1891-1946) und der “viola”-Spieler Martinho d’Assunção (1914-92) hervortreten lassen.


Der Fado kann live oder durch die Medien wie Radio, Fernsehen und Aufnahmen gehört werden. In Lissabon finden die Auftritte in den „casas típicas“ statt sowie in den „teatros de revista“, Revuetheatern, Tavernen, Restaurants usw. Auch Konzerte für ein grosses Auditorium werden veranstaltet. Der Fado kann überall in Portugal gehört werden, besonders im Süden ist er sehr verbreitet.

Während den Auftritten ist der „fadista“ die zentrale Figur, die meistens durch einen Spieler der „guitarra“ begleitet wird. Der Fadista muss eine eigene Individualität besitzen, die sich in der melodischen Improvisation, ein Prozess, der „estilar“ genannt wird, zeigt. Die Fadistas, die für ihre melodische Kreativität, Verzierungskunst, rhythmische Freiheit, Timbre und Diktion Ansehen erhalten, werden „estilistas“ genannt. Fado wird von Männern und Frauen gesungen. Der Sänger/die Sängerin bestimmt welche Fados in welcher Tonart gespielt werden. Seit der Aufnahme ins Revuetheater in den 1920er Jahren verbindet man den Begriff „vedeta“ mit gefeierten professionellen Fadistas.

Natürlich gibt es auch Fadistas und „guitarristas“, die als Komponisten hervorgetreten sind.
Die Standardbegleitung besteht aus der Kombination der „viola“ und der „guitarra“. Die Viererbegleitung mit zwei „guitarras“, der „viola“ und „viola baixo“ wird bei Darbietungen in Sälen oder in Aufnahmestudios verwendet. Instrumentalstile werden unterschieden nach verwendetem Fingerstatz, Vibrato (der sogenannte „gemido“) , der Art des Anschlagens, Verzierungskunst, Tremolo und Klanggebung. Die Instrumentalisten werden vom ersten „guitarrista“ geleitet. Wenn der „violista“ mehr Erfarhung hat, kann auch er die Leitung übernehmen. Die „viola“ und die „viola baixo“ geben die harmonische und rhythmische Unterstützung. Die Fado-Instrumente werden traditionell von Männern gespielt.
Die „guitarra“ wird auch „guitarra portuguesa“ genannt. Sie besteht aus einem birnenförmigen Korpus, mit 6 doppelchörigen Saiten und 17 Bünden, die dreieinhalb Oktaven entsprechen. Sie wird mit Daumen und Zeigefinger unter Einsatz von echten oder falscher Nägel gespielt. Die „guitarra“ stammt aus der „english guitar“, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert durch die britische Kolonie in Oporto nach Portugal gelangte. Die „guitarra“ wird neben der Begleitung auch für die als „guitarradas“ bezeichnetes Instrumentalrepertoire innerhalb der Traditionen Lissabons und Coimbra eingesetzt. Die „guitarras“ von Lissabon und Coimbra unterscheiden sich in Grösse, Stimmung und schmückenden Details. Die „guitarra“ von Coimbra hat einen etwas grösseren Korpus und wird einen Ton tiefer gestimmt. Dies verleiht ihr einen volleren Klang.
Die spanische Gitarre des 18. Jarhhunderts gelang im 19. Jahrhundert über Frankreich nach Portugal. Sie wurde in die Fado-Praxis übernommen. Auf Anspielung auf ihre französichen Zwischenhändler wird sie auch „viola francesa“ oder „violão“ genannt.
Die „viola baixo“ ist grösser als die „viola“. Sie hat einen vierchörigen Metallsaitenbezug.

Auch die Zuhörer sind ein wichtiger Bestandteil einer Fado-Aufführung. Bei einer Aufführung wird die höchste Aufmerksamkeit von den Zuhörern verlangt. Fado ist nämlich eine ernste Sache für alle Betroffenen und dies ist eine Art, dem Fado grossen Respekt zu gewähren. Deshalb werden laute Zuschauer regelrecht aus dem Saal nach draussen befördert. Anderseits werden schlechte Sänger mitten im Lied unterbrochen. In Lissabon hört kein Zuschauer eine schlechte Darbietung bis am Ende, duldet aber natürlich auch keine Unterbrechung während eines guten Auftritts. Am Ende eines Liedes gelten Applaus, Pfeiffen, Zurufe, das Kopfen auf Tische und das Verschütten von Bier sind angemessen. Besonders gute Darbietungen werden mit dem Ausruf „fadista!“ begleitet.

Die Fadisten klassifizieren den Fado in zwei Kategorien: den „fado castiço“, der als den authentischen Fado gilt und der „fado canção“, das „Lied-Fado“.
Der „fado castiço“ wird auch „fado fado“, „fado clássico“ und „fado tradicional“ genannt. Der letztere wird als der authentische Fado angesehen. Innderhalb des „fado castiço“ gibt es eine Unterscheidung zwischen drei anonymen Fados, von denen man glaubt, dass sie zu den Wurzeln des Fados angehören, den „raízes do fado“.
Die drei grundlegenden Fadotypen sind der „fado corrido“, „fado mouraria“ und „fado menor. Diese drei Fados haben fixe rhythmische und harmonische Strukturen (Tonika-Dominante, bzw. Stufen I-V) sowie ein fixes rhyhtmisches Muster, das aus ein ständig widerholtes Motiv besteht. Über diesn Mustern wird komponiert oder improvisiert. Die Texte folgen vorgegebenen Strukturen: Die Stanzen bestehen jeweils aus vier, fünf, sechs oder zehn Versen.
Der Fado wird in 4/4 notiert. Der „fado corrido“ und „fado mouraria“ werden in Dur geschrieben und werden meistens in schnellem Tempo vorgetragen. Die Fados in Moll werden hingegen eher in langsamen Tempi gespielt/gesungen. Alle andere Elemente sind variabel.
Charakterisch beim „fado canção“ ist die Struktur Stanza-Refrain. Die harmonischen Strukturen sind komplexer als im „fado castiço“. Die Melodien sind festgelegt, während die Begleitung nach Geschmack des Begleiters während des Spiels entwickelt werden kann. Die vokale Improvisation ist eher eingeschränkt im Gegensatz zum „fado castiço“. Der „fado canção“ hat sich im „teatro de revista“ in den 1880er Jahren entwickelt. In den 1920er und 1930er Jahren war der „fado canção“ integtierter Bestandteil eines Varités, bzw. einer Aufführung. Eine wichtige Phase des „fado cançô“ fand in den 1960er Jahren statt, nämlich mit den Kompositionen von Alan Oulman für die berühmte Interpretin Amália Rodrigues. Bei diesen Fados waren die poetische Texte und die komplexen harmonischen Strukturen kennzeichnend.
Fado-Texte befassen sich mit Themen wie Prostitutions-Häuser, Lissabons Nachbarschaft, Menschen, die in Zusammenhang mit Fado stehen, spezielle Ereignisse und Gefühle wie Sehnsucht, Eifersucht, Hass, Liebe, Revanche usw.


Canção de Coimbra

Der Fado oder „Canção de Coimbra“ ist eine Tradition lyrischer Aufführungen, die im akademischen Leben von der mittelalterlichen Universität von Coimbra integriert ist. Die vokalen und instrumentalen Genres sind Fado, „balada“ und „guitarrada“. Diese Genres werden traditioneller Weise von den männlichen Studenten aufgeführt. Der Fado wurde in Coimbra von lissaboner Studenten im 19. Jahrhundert eingeführt. Seitdem hat Coimbra sein eigener Stil fortgeführt, der sich aus einer Synthese verschiedener Elemente entwickelt hat. Die Tradition des italienischen „belcanto“ war ein wichtiger Faktor. Die „guitarra“ und die „viola“ sind die wichtigsten Instrumente für die Begleitung. Die Viola wird oft vom Sänger selbst gespielt. Die „balada“ zeichnet sich durch die hohe Qualität seiner literarischen Texte aus, die eine einfache Melodie aufweisen, um den Text hervorzuheben. Die „balada“ wurde auch wichtig für die politische Entwicklung des Lieds im Portugal der 1960er und 1970er Jahren.


Amália Rodriguez

Amália da Piedade Rodriguez wurde am 23. Juli 1920 in einer zahlreichen und armen Familie in Beira Baixa geboren. Die Familie versuchte ihr Glück in der Hauptstadt, doch nach kurzer Zeit ging sie wieder in die Provinz zurück. Amália wurde mit 14 Monaten in der Obhut der Grosseltern gegeben, die sie grosszogen. Es scheint, dass Amália schon im Alter von vier Jahren sang und schon sehr früh ihren Unterhalt mit Singen verdiente. Im Schulalter hörte sie die Waschfrauen des Viertels Fado singen. Dies beeindruckte sie sehr. In der Grundschule trat sie erstmals vor einem Publikum auf. Mit zwölf Jahren sang sie die Tangos von Carlos Gardel und kannte bereits sein ganzes Repertoire.
Als Amália vierzehn Jahre alt war, siedelte ihre Familie erneut nach Lissabon um. Amália zog zu ihrer Familie, wo sie in grosser Armut lebte. Sie hatte grosse Schwierigkeiten, sich in ihrer Familie zu integrieren.

Mit fünfzehn Jahren, in Begleitung seiner Mutter und seiner Schwester, verkauft Amália im „Cais da Rocha“ in Alcantâra Früchte. Ihr Timbre fällt sofort auf, und wird sehr schnell im Bairro bekannt. Sie wird ausgewählt, um als Solistin in der „Marcha de Alcantâra“ zu singen. Im Jahr 1936 hat sie ihre ersten Auftritte auf den Strassen von Lissabon. Der Leiter der Marcha insistiert und überzeugt Amália am Wettbewerb „Concurso da Primavera“ teilzunehmen. In diesem Wettberwerb lernt sie Francisco da Cruz, einen Gitarristen, kennen, der im Jahr 1940 ihr Ehemann sein wird. Diese Ehe dauert etwas weniger als zwei Jahre. Während einer Probe lernt sie einen Assistenten von Jorge Soriano, leiter der berühmtesten „casa de fado“, das „Retiro da Severa”, kennen, der ihr vorschlägt, eine Audition zu machen. Obwohl die Audition bei Soriano ein Erfolg war, lehnt Amália ab, weil ihre Familie sich einer Karriere als Musikerin widersetzt.
Im Jahr 1939 schafft sie endlich ihren Auftritt im „Retiro da Severa“. Dieser Auftritt markiert den Beginn einer steilen Karriere.
1943 wird sie im „Solar da Alegria“ engagiert. José de Melo wird ihr neuer Manager und die Preise ihrer Eintrittsbillete steigen von 500 escudos auf 800 escudos. Ihr Repertoire verbesserte sich und kaufte neue „cantigas“ ein. Es war damals üblich, diese „cantigas“ für ungefähr 30 escudos bei Dichtern des Fado zu kaufen und in Auftrag zu geben.
In den Jahren zwischen 1940-1947 arbeitete sie für die Theater, den sogenannten „revistas“. Ihr erster Auftritt im Ausland wird in Madrid sein, wo sie von den spanischen Liedern und dem Flamenco fasziniert ist. 1944 hat Amália einen Auftritt in Rio de Janeiro, im damals grössten Casino Lateinamerikas: „Casino Copacabana.“ Mit 24 Jahren interpretiert sie einen Auftritt, der für sie alleine konzipiert wurde. Der usrpünglich vierwöchige Vertrag wurde wegen dem grossen Erfolg auf drei weitere Monaten verlängert. In Rio de Janeiro singt sie zum ersten Mal, eines ihrer berühmtesten Fados: „Ai, mouraria“.
Im Jahr 1947 bekommt sie die Hauptrolle im Film „Capas Negras“, das ein Riesenerfolg wird. Für diesen Film erhält sie die Auszeichnung „Prémio do SNI“ als beste Schauspielerin. Amália wird zum nationalen Idol.
Es folgen weitere Auftritte in Paris und London. 1949 spielt sie im nächsten Film, eine portugiesich-brasilianische Produktion: „Vendaval Maravilhoso“.
Im Jahr 1950 nimmt sie teil am „Plano Marschall“, das für ihre internationale Karriere entscheidend ist. Es handelt sich um ein Programm, dass von den Staaten subventioniert wird, und das es den jungen Künstlern ermöglicht, in verschiedenen Städten Europas aufzutreten. Ab diesem Jahr folgen Tournéen nach Nord- und Südamerika, sowie nach Afrika. Erwähnenswert ist ihr Auftritt im „Mocambo“ in Hollywood, eines der berühmtesten Clubs.
Von jetzt an folgt eine steile Karriere, die sie bis zu ihrem Lebensende folgen wird und die sie zu berühmtesten Fadista aller Zeiten krönen wird. Am 6. Oktober 1999 stirbt Amália im Alter von 79 Jahren.

Abschliessend folgt ein Fado, der von Amália Rodriguez geschrieben worden ist, und der uns etwas verständlicher macht, was Fado ist:

Tudo isto é fado – Amália Rodriguez/F. Carvalho

Perguntaste-me outro dia
Se eu sabia o que era o fado
Disse-te que não sabia
Tu ficaste admirado
Sem saber o que dizia
Eu menti naquela hora
Disse-te que não sabia
Mas vou-te dizer agora

Almas vencidas
Noites perdidas
Sombras bizarras
Na Mouraria
Canta um rufia
Choram guitarras
Amor ciúme
Cinzas e lime
Dor e pecado
Tudo isto existe
Tudo isto é triste
Tudo isto é fado

Se queres ser o meu senhor
E teres-me sempre a teu lado
Nao me fales só de amor
Fala-me também do fado
E o fado é o meu castigo
Só nasceu pr'a me perder
O fado é tudo o que digo
Mais o que eu não sei dizer.



All das ist Fado

Dur fragtest mich letztends,
Ob ich wüsste, was Fado sei.
Ich sagte, ich wüsste es nicht.
Du sagtest, Du seist überrascht.
Ohne zu wissen, was ich sagte,
Log ich damals
Und sagte, ich wüsste es nicht.

Bezwungene Seelen,
Verloren Nächte,
Seltsame Schatten,
Im maurischen Viertel.
Eine Hure singt,
Gitarren weinen,
Asche und Feuer,
Schmerz und Sünde.
All das existiert,
All das ist traurig,
All das ist Fado.

Wenn du mein Man sein willst
Und mich immer an deiner Seite sehen willst,
Sprich nicht zu mir von Liebe,
Aber erzähl mir von Fado.
Fado ist meine Strafe,
Ich wurde geboren, um verloren zu gehen.
Fado ist alles, was ich sage
Und alles, was ich nicht aussprechen kann.

(Übersetzung von Paul Vernon)